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Rezension: Wasteland

Wasteland ist der neue SciFi-Endzeit-Utopie-Roman von Judith und Christian Vogt.

Das Blog hier ist auch so ein bisschen Wasteland. Seit Juni nix mehr geschrieben. Aber zum Glück frisst es ja kein Brot und wartet geduldig, bis ich wieder mal was loswerden will, was nicht in 1-4 Tweets passt. So wie heute, denn ich habe mal wieder ein Buch gelesen und muss drüber schreiben.

Disclaimer 1: Das Buch wurde mir geschenkt. As in, unter Freund*innen, nicht vom Verlag als Rezensionsexemplar.

Disclaimer 2: Ich bin mit den beiden Autor*innen befreundet.

Wasteland ist, so sagen es Judith und Christian selber, eine Mad-Max-Utopie und spielt in der postapokalyptischen Eifel im Jahr 2064. Die Menschheit hat in drei Kriegen Städte, Länder und sich selbst zerstört und verändert, das Insektensterben ist noch länger her, und durch einen biologischen Kampfstoff sind ganze Landstriche nicht zu betreten, ohne sich mit der Wastelandkrankheit zu infizieren. Die Menschen leben in Gangs, Sekten oder Communities, und während die einen auf das Recht des Stärkeren pochen und mit Gewalt die Rangordnung klären, sind die anderen zu einer Gemeinschaft gewachsen, in der alle ihren Platz haben und akzeptiert werden. Toxxers heißen die einen, Hopers die anderen.

Mittendrin: Zeeto, ein junger Mann mit bipolarer Neurodivergenz, der im Ödland unterwegs ist und dort ein Baby findet. Und Laylay, eine junge Frau, die mit ihrem Vater durch die Lande reist und gerade rechtzeitig wieder zu Zeetos Gemeinschaft kommt, um zu seiner Rettung ausgeschickt zu werden – denn seltsamerweise ist sie immun gegen die Wastelandkrankheit. Aus Sicht der beiden wird abwechselnd erzählt, hinzu gesellt sich noch Root, der WiFi-Schamane der benachbarten Gang, der eine dritte Erzählperspektive einnimmt.

Der Fund des mysteriösen Babys, das ebenfalls nicht von der Krankheit infiziert ist, setzt dann die Ereignisse in Gang. Irgendwas geht vor im Ödland, die Gangs und Sekten rühren sich, alle wollen an das Baby und dessen Geheimnisse, und Zeeto und Laylay sind mittendrin und obendrein noch völlig eineinander verschossen. Ich will jetzt gar nicht groß spoilern und viel über den Plot verraten. Wie eigentlich alle Vogtschen Bücher war auch dieses hier absolut spannend und ich hätte es locker an einem Tag durchlesen können, wenn ich mich nicht zusammengerissen hätte, um noch länger etwas davon zu haben. Denn, auch wenn Wasteland spannend, unterhaltsam und ein absoluter Pageturner ist: Es ist eben auch mehr als das.

Wasteland hat so viele Themen und Ideen aufgegriffen, die mir wichtig sind und verbindet diese elegant mit dem Plot und den Protagonist*innen. Zum einen ist da natürlich die Frage von Hoper oder Toxxer, die sich durch das ganze Buch zieht. Was passiert mir uns, wenn die Zivilisation zusammenbricht? Fallen wir zurück in hierarchische Strukturen und leben in einer Hackordnung, die von Sex, Gewalt und der Demonstration von Stärke bestimmt wird? Beten wir irgendwas oder irgendwen an und brennen alles nieder, was uns dabei im Weg steht, unseren Glauben durchzusetzen? Halten wir uns fern von jedem Zusammenleben, um nicht in Konflikte hineingezogen zu werden? Ist das Wegfallen der alten Ordnung vielleicht eine Chance, Gemeinschaft neu zu denken und alte Denkweisen abzustreifen, jede Person mit ihren Eigenheiten zu akzeptieren und wirklich gleichberechtigt zusammenzuleben? Im Roman werden alle diese Ideen beleuchtet, vor allem fokussiert auf die hoffnungsvolle Gemeinschaft des Handgebunden-Markts, von dem Zeeto stammt. Der Markt ist eine Community, die über patriarchale Strukturen, Anspruchsdenken und Heteronormativität hinaus ist und in der alle gleichberechtigt zusammenleben. Auch Menschen mit Neurodivergenzen werden dort nicht als krank oder belastend empfunden, sondern einfach als Menschen, die anders sind und sich in manchen Bedürfnissen und Fähigkeiten unterscheiden. Diese Gemeinschaft ist in jedem Fall für mich das Highlight des Romans, denn so oft werden futuristische Szenarien, ob SciFi, Endzeit oder Postapokalyspe, gar nicht als Chance wahrgenommen, auch die Gesellschaft neu zu denken und nicht nur Technik, Ressourcen oder äußere Einflüsse. Und noch viel öfter geraten solche Settings zu Dystopien, zu „so krass sind Menschen drauf, wenn die Regeln der Zivilisation nicht mehr gelten“. Wenn man sich in der Welt so umschaut, kann ich verstehen, wie man zum Schluss kommt, dass einigermaßen konstruktives Zusammenleben nur funktioniert, weil wir diese dünne Schicht aus Moral, Regeln, Gesetzen und Gepflogenheiten über unser eigentlich zutiefst schädliches und egoistisches Selbst legen. Aber wenn man sich noch mal genauer umsieht, gerade in queeren, marginalisierten Communities, dann merkt man auch, dass es nicht so sein muss. Dass es auch heute schon Gemeinschaften gibt, die offen, akzeptierend und unterstützend füreinander einstehen. Und ich finde es sehr gelungen, dass der Roman in beide Richtungen geht und beide Entwicklungen vorstellt. Mal ganz davon abgesehen, dass ich natürlich sofort in die Gemeinschaft des Markts einziehen will.

Wo wir gerade bei Neurodivergenz sind: Auch das fand ich absolut gelungen. Zeeto ist bipolar (euch womöglich besser bekannt unter dem Begriff manisch-depressiv), und da er als Ich-Erzähler fungiert, kommen die Leser*innen ihm natürlich auch sehr nah und können seine Gedanken und Überlegungen nachvollziehen. Dabei macht Wasteland vieles nicht, was andere Erzählungen anstellen, wenn psychische Auffälligkeiten beschrieben werden: Weder stellt sich im Laufe des Buches erst heraus, dass er nicht neurotypisch ist, noch beziehen sich seine Probleme (nur) darauf. Natürlich spielt die Bipolarität eine Rolle, aber sie ist weder die Ursache aller Probleme noch etwas, was irgendwie überwunden werden muss – im Gegenteil, in der Wasteland-Zukunft sind Medikamente knapp und Zeetoo könnte sich selbst, wenn er das wollte, nicht einfach jeden Tag Lithium reinziehen. Stattdessen haben er und seine Oma, die ebenfalls bipolar ist, ihre eigenen Methoden gefunden, um damit klarzukommen, wobei es natürlich hilft, dass im Handgebunden-Markt keine Person nen 9-to-5-Bürojob durchziehen muss. Aber trotzdem wird nicht geschönt dargestellt, wie schlecht es Zeeto teilweise geht, im Gegenteil, es wird eindrucksvoll beschrieben, wie schwer es ihm in seinen depressiven Phasen fällt, auch nur aufzustehen oder etwas zu essen. Und schließlich: Zeeto kommt selbst zu Wort, kann selbst beschreiben, wie es ihm damit geht – und das auch noch auf eine absolut humorvolle und reflektierte Weise, wenn er z. B. seinen aktuellen Standort mit „United States of Depression“ angibt oder sich selbst als Mano-Zeeto vorstellt, nachdem er von der depressiven in die manische Phase gekippt ist. Dem Nachwort des Buches lässt sich außerdem auch entnehmen, dass für diesen Aspekt des Romans eine Person mit Erfahrung auf dem Gebiet konsultiert wurde.

Und überhaupt, Zeeto. Ich liebe den einfach so sehr. Beziehungsweise liebe ich die Art und Weise, wie die beiden Hauptfiguren des Romans ausgearbeitet sind. Von den grundsätzlichen Entscheidungen, dass Zeeto und Laylay in vielen Punkten von üblichen Klischees abweichen (nicht weiß, nicht immer normschön, nicht neurotypisch, der Typ wartet auf das umherziehende Mädchen, das ihm letzten Sommer den Kopf verdreht hat und nicht andersrum) habe ich vermutlich lange keine so großartige Romanze zwischen zwei so gleichberechtigten Personen gelesen. Beide haben ihre Stärken und Schwächen und beide überwinden sie immer wieder, hadern damit, sind offen zueinander, streiten sich auch mal, aber nie aus irgendwelche bescheuerten Eifersuchtsgründen oder weil sie nicht miteinander reden. Außerdem ist Laylay definitv die körperliche Stärkere von den beiden, während Zeeto emotional trotz seiner Bipolarität viel reifer und stabiler ist. Und Zeeto, erwähnte ich schon, dass ich ihn liebe, ist generell der vermutlich untoxischste männliche Charakter ever. Achso, und die Romanze führt natürlich auch dazu, dass es Sexzenen gibt, und Sexszenen sind bei Judith sowieso immer mein Highlight, weil sie einfach immer realistisch, awkward, lustig und trotzdem irgendwie heiß sind. So wie Sex halt auch. Ich hab mich auch selten so gestresst gefühlt beim Lesen wie bei der einen Szene, wo sie genau EIN Kondom haben, weil die Dinger einfach super selten und teuer sind.

Auch die dritte Erzählperspektive, der WiFi-Schamane Root, ist übrigens großartig  und fügt dem Roman noch eine große Prise Skurrilität und Weirdness hinzu. Außerdem merkt man durch seine immer wieder eingestreute Toxxer-Sichtweise erst, wie erfrischend anders Laylay und Zeeto so ticken.

Auch das Worldbuilding ist wieder sehr cool und sehr durchdacht. Was passiert, wenn es quasi keine Insekten mehr gibt, welche politischen und sozialen Konflikte und Bewegungen ausgelöst wurden und wie diese fiktive Zukunft sonst so aussieht, fließt immer wieder am Rand in die Geschichte ein. Seien es die solarbetriebenen Fernseher auf dem Handgebunden-Markt, die Erzählungen von Zeetos Oma über ihre eigene Flucht nach Europa oder die Beschreibung der vielfach geflickten und ausgebesserten Kleidung der Marktleute. Dabei driftet das Ganze aber nie in irgendwelche langen Exkurse ab, sondern es wird alles organisch mit in die Geschichte und die Dialoge eingebaut.

Auch sprachlich geht Wasteland neue Wege. Zum einen hat sich natürlich auch die Sprache etwas fortentwickelt in der fiktiven Zukunft, sodass zwar immer noch Deutsch gesprochen wird, aber mit vielen englischen und türkischen Begriffen durchsetzt. Zum anderen sind Laylay und Zeeto ohne Schule und in einer anderen Gesellschaft aufgewachsen und reden und denken so, wie ihnen der Schnabel gewachsen ist. Durch die Ich-Perspektive ist man beim Lesen sowieso sehr nah an ihnen dran und mir hat es sehr gut gefallen, wie ungefiltert, teilweise sprunghaft, oft sehr lustig und manchmal auch tieftraurig die Gedankenwelten sind, in die man dabei eintaucht. Dann schlägt sich die offene und vielfältige Gesellschaft der Zukunft natürlich auch darin nieder, dass beispielsweise Neopronomen wie „ser/sir“ benutzt werden, wenn von den nichtbinären Personen im Cast gesprochen wird. Cool fand ich dabei, dass es tatsächlich sowohl bei den Marktleuten als auch bei der benachbarten Gang einen Enby-Nebencharakter gibt. Der Unterschied ist halt nur, dass die Hopers nett nach den Pronomen fragen und die Toxxers zur Not so lange Leute verprügeln, die sie falsch ansprechen, bis das sitzt. Und überhaupt, ein Buch, in dem sich Leute mit ihren Pronomen vorstellen. Hab ich erwähnt, dass ich gerne auf dem Handgebunden-Markt einziehen will….?

Aber die Sprache hört da noch nicht auf, denn Wasteland ist der – vermutlich erste – deutsche Roman in gendergerechter Sprache. Ja, genau. Das, von dem Leute gerne behaupten, das würde doch gar nicht gehen. Wer solle das denn noch lesen. Man habe 2 Doktortitel, aber steige beim Gendersternchen aus dem Lesefluss aus. Und dergleichen Blödsinn mehr. Tatsächlich kommt Wasteland ohne Gendersternchen aus – aber einfach auch ohne generisches Maskulinum. Und ich muss sagen, ich hätte nicht erwartet, dass das beim Lesen tatsächlich so wenig auffällt. Ich war sehr gespannt drauf und wollte extra drauf achten und dann …. stellte ich fest, upps, bin auf Seite 50 und bisher nicht einmal drüber gestolpert. Denn tatsächlich fällt es kaum auf, wenn da statt „Marktbewohner“ eben „Marktbewohnende“ steht oder von „Personen“ und „Leuten“ die Rede ist statt irgendeinem Maskulinum. Und auch Sachen wie „die Boss“ für eine weibliche Anführerin sind höchstens beim ersten Mal kurz irritierend. Ich war jedenfalls total erstaunt, wie wenig anders sich ein Text liest, der ohne blöde generisches Maskulinum auskommt. Noch ein großer Pluspunkt für das Buch. Und viel Liebe für Judith und Christian, die auf „man kann doch nicht einfach“ immer wieder antworten „natürlich kann man – just watch us!“.

Als ich das Buch durch hatte, war ich erstmal ein bisschen zerstört so innerlich, denn ich hätte gerne gewusst, wie es weitergeht nach dem eher offenen Ende, das auch noch einmal betont, dass Geschichten ohnehin immer weitergehen – eine Erzählung wählt eben nur den Abschnitt aus, den wir kennenlernen dürfen. Der Rest ist unserer Fantasie überlassen und ob die eher düster oder eher hoffnungsvoll ausfällt, liegt eben an uns. Genauso wie es jeder lesenden Person selbst überlassen bleibt, ob sie in Wasteland einfach eine spannende, actionreiche Geschichte mit viel Gefühlen, Drama und einer Gang auf einem Schaufelradbagger sieht, oder eben eine Betrachtung dazu, wie unsere Gesellschaft in der Zukunft aussehen könnte, welche Chancen und Risiken die Zukunft bietet und wie weit Hoffnung gehen kann. Wasteland ist, wie immer beides, und dafür verneige ich mich erneut beeindruckt vor Judith und Christian. Schreibt bitte immer weiter solche wichtigen, weirden, wunderschönen Bücher.

Wasteland, 2019, Droemer Knaur, € 14,99.

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Spielleiten unter den 8 (nein, 9!) Sonnen

Gastbeitrag von Frank Reiss

Nachdem ich gestern ja schon über Invisible Sun gebloggt habe, war Frank so nett, mir noch ein paar Worte dazu zu schicken, wie er als Spielleiter das System empfunden hat. Und da er sich genauso wenig kurzfassen kann wie ich (haha!), packe ich das einfach mal ein einen eigenen Artikel.

Lena hat ja schon einen sehr guten Überblick über das Spielsystem und die Runde gegeben, so dass ich mich hier vor allem auf meinen Part als Spielleitung beschränken möchte.

Vielleicht aber doch noch ein paar Worte zur Aufmachung des Spiels: Es ist wirklich beeindruckend, wie liebevoll und detailliert das gesamte Spiel aufgemacht ist. Der Preis ist wirklich eine Hausnummer und man kann zurecht bemängeln, dass deshalb viele Leute nicht in den Genuss kommen können, dieses Spiel jemals zu spielen – es ist am Ende ein Luxusprodukt.

Aus Sicht der Spielleitung bedeutet Invisible Sun zu Beginn vor allem erstmal eins: Sehr viel Vorbereitung! Dabei hat es mir großen Spaß gemacht, die atmosphärisch geschriebenen Texte zu lesen, durch die vier großartig gelayouteten und illustrieren Bücher zu blättern und mir die abgedrehte und surreale Spielwelt nach und nach zu erschließen – und ich bin weit davon entfernt, auch nur einen Großteil des Materials gelesen zu haben. Was nicht hilft ist die Tatsache, dass nahezu alles, was man zum Spielen benötigt, fast schon wahllos über die vier Regelbücher verteilt ist. Dass die Bücher auch noch kryptische Titel (The Way, The Key, The Gate, The Path) haben, die kaum auf den Inhalt schließen lassen, macht es nicht besser. Es hätte bestimmt Möglichkeiten gegeben, Inhalte etwas sinnvoller zu gruppieren. Immerhin gibt es aber in den Büchern durchgehend eine Spalte mit Seitenverweisen zu erwähnten Begriffen/Regelmechanismen, sodass man diese schnell nachschlagen kann.

Die Regeln

Der Schwarze Würfel – 15 Kilo schwer.

Letztendlich funktioniert Invisible Sun wie ein grundlegend aufgebohrtes und stark erweitertes Cypher System. Meine Erfahrung mit Numenera hat schon etwas geholfen, die Grundmechaniken schnell zu verstehen, auch wenn hier einiges sehr anders funktioniert – Schaden wird zum Beispiel nicht mehr über die Stat-Pools geregelt, und es wird mit einem W10 direkt auf den Zielwert gewürfelt, anstatt mit einem W20. Wenn man diese grundlegenden Abläufe verstanden hat, hat man aber eigentlich alles, was man braucht. Eigentlich, denn durch die verschiedenen Magiesysteme der Orden gibt es eine Menge Subsysteme. Das Gute: Keines der Subsysteme weicht von der grundlegende Probenmechanik ab. Das Herausfordernde: Über alles einen zumindest groben Überblick zu bekommen. Ich habe das Einlesen in die Magiesysteme der Orden an die jeweiligen Spieler*innen delegiert, was sehr gut geklappt hat.

Interessant ist im Übrigen: Während das System unzählige Optionen und Verfeinerungen für den Charakterbau und die Charakterentwicklung bereithält – viele davon sind bei Charaktererschaffung irrelevant – , ist der Rest des Regelwerks und vor allem das, was man als SL so wissen muss, sehr schlank und geradlinig. Das war beim Cypher System auch schon so und setzt sich hier fort. Die regelseitige Hauptaufgabe für die Spielleitung besteht darin, Level für NSCs, Effekte und Ereignisse festzulegen, sodass klar ist, wie schwer eine Herausforderung ist. Das befreit von unnötiger Buchhaltung und lässt Platz im Kopf für die Handlung, man muss während des Spiels eigentlich kaum mal etwas nachschlagen.

Das Setting

Monte Cook und sein Team haben mit sehr viel Liebe zum Detail eine Welt geschaffen, die von realweltlichem Okkultismus und Mythen inspiriert ist, am Ende aber etwas völlig Eigenes und fast schon verstörend Fremdartiges an sich hat. Dabei merkt man schon dem Schreibstil an, dass alles bewusst vage, verwirrend und teilweise widersprüchlich geschrieben ist. Es braucht eine Weile, sich darauf einzulassen, aber dadurch wird der Stil des Settings sehr gut deutlich: Nahezu alles ist möglich, Magie ist allgegenwärtig, je surrealer, desto besser. Orte, NSCs und die grundlegenden Fundamente der Spielwelt werden angerissen, es werden Fragen aufgeworfen, aber nicht beantwortet, es wird inspiriert, aber nicht erklärt. Darauf muss man sich einlassen können. Es geht in dem Setting aber auch gar nicht darum, das Bild einer kohärenten, in sich geschlossenen Spielwelt zu zeichnen, sondern es geht mehr darum, einen Eindruck davon zu vermitteln, wie sich die Spielwelt anfühlt. Und das gelingt mit den vielen Beispiel-NSCs, den Orten, den Namen und den Illustrationen wirklich sehr gut.

Mir persönlich gefällt der Ansatz. Ich denke mir gerne seltsame Charakter und Örtlichkeiten aus. Ich brauche keine detaillierte Beschreibung jedes einzelnen Stadtteils einer Metropole, solange die Stimmung klar ist, die dort herrschen soll. So sehen auch die Beschreibungen der Orte in Invisible Sun aus: Man erfährt in wenigen Sätzen etwas zu einem Ort und seinen Bewohner*innen. Es bleibt alles sehr kryptisch und vage, aber es transportiert einen Eindruck davon, wie sich jener Ort anfühlt und lässt viel Raum, um ihn für die eigene Erzählung anzupassen.

Eine Spielsitzung planen

Nachdem wir in unseren zwei vorbereitende Skype-Sessions die Charaktere soweit vorbereitet haben, war es dann meine Aufgabe, mich auf den eigentlichen Spielabend vorzubereiten. Das SL-Kapitel des Regelwerks hat sich dabei als sehr hilfreich erwiesen. Die wichtigste Grundregel lautet: Die Spieler*innen sitzen hinterm Steuer! Das bedeutet, dass sich Erzählungen in Invisible Sun schwerpunktmäßig um die Charaktere drehen sollen. Es soll keinen von Seiten der Spielleitung initiierte Hauptplot geben, alles dreht sich um die Character Arcs. Aufgabe der Spielleitung ist es viel mehr, Orte, NSCs und Herausforderungen zur Verfügung zu stellen und dann darauf zu reagieren, was die Gruppe damit anstellt. Es wird explizit davon abgeraten, ganze Plots vorzubereiten. Stattdessen schlagen die Autor*innen vor, interessante Szenen, Locations und Personen zu erfinden und sie dann spontan im Spiel passend zur sich entwickelnden Handlung einfließen zu lassen.

Daran wird schon deutlich: Hier ist Improvisieren angesagt. Das heißt nicht, dass ich mich nicht oder nur wenig habe vorbereiten müssen. Gerade bei einem solch ungewöhnlichen Setting lässt sich nur schwer etwas improvisieren, ohne irgendwas über die Welt gelesen zu haben. Also bestand meine Vorbereitung in erster Linie darin, mir weiteres Settingmaterial anzuschauen und die gemeinsam erarbeiteten Nachbarschaften und Charakterziele der Spielgruppe auf Ideen für einen Abenteuereinstieg abzuklappern. Bei der großen Anzahl an coolen Ideen, die wir gemeinsam im Vorfeld in der Session Zero entwickelt haben, war das zum Glück kein Problem.

Die eigentliche Spielsitzung

Unser Path of Suns der Spielrunde.

Um einen irgendwie gearteten Einstieg zu ermöglichen, ließ ich zu Beginn der Runde eine Handelskarawane im Stadtteil der Gruppe auftauchen. Das war das Einzige, was ich vorgeplant hatte. Zu Beginn jeder Szene zieht man dann eine Karte vom Sooth-Deck, die als Inspiration für die fortschreitende Handlung dienen kann. Ich hatte mir vorgenommen, mich tatsächlich recht stark von den Karten in Kombination mit den Zielen der Charaktere leiten zu lassen. Wie Lena schon erwähnt hat, haben wir uns dann auf die Geschichte um den Schakal fokussiert. Die erste Sooth-Deck-Karte deutete eine lauernde Bedrohung an – also sollte es einen Überfall auf die Handelskarawane geben. Auch im weiteren Verlauf der Handlung habe ich immer wieder spontan Dinge aufgrund gezogener Karten passieren lassen: Die Falle in dem Tunnel mit den Herzwürmern beispielsweise, oder eine dritte Partei, die dasselbe Ziel wie die Gruppe und ihre Widersacherin hatte und dem Finale eine Wendung gab.

Alles in allem hat das gut funktioniert, auch wenn es zeitweise anstrengend war, so gar nicht genau zu wissen, wohin die Geschichte sich entwickeln wird. Hier hat sich die Setting-Recherche definitiv ausgezahlt: Über die Satyrine-Rail, den Zug, der die gesamte Stadt durchquert, oder den Stadtteil Palindrome gelesen zu haben, hat es überhaupt erst möglich gemacht, diese Orte ins Spiel einzubauen. Das Wissen um das Wesen der Engel in der Actuality hat dabei geholfen eine solche Kreatur darzustellen, als die Goetic der Gruppe eine Beschwörung durchgeführt hat. Auch waren die vielen Beispiel-NSCs mit ihren surrealen Macken und ihrem fremdartigen Aussehen eine gute Inspiration für Figuren, die ich spontan ins Spiel eingebaut habe.

Ein weiteres Element, was eine sorgfältige Planung ohnehin überflüssig machen würde, sind die zufällig gezogenen Zauber und Gegenstände (Ephemera), die der Gruppe zur Verfügung stehen. Manche Effekte sind derart spielverändernd, dass sie z. B. lang geplante Reisesequenzen oder einen Endkampf gegen einen Schurken mit einer Handlung komplett umwerfen können. Auch das ist ein beabsichtigter Effekt, man sollte sich deshalb nicht zu sehr in seine Plotideen und NSCs verlieben.

Spielleitungs-Fazit

Invisible Sun macht großen Spaß! Das surreale Setting, die vielen Möglichkeiten, spontan abgedrehte Ideen ins Spiel einzubauen, der Fokus auf die Charaktere, das alles macht es leicht, Geschichten zu improvisieren. Und gleichzeitig erfordert das Spiel, dass man sich mit dem Setting, der Stimmung, die es transportieren will und natürlich auch den Regeln beschäftigt. Es ist – auch das hat Lena schon geschrieben – kein Spiel für eine Con oder einen Oneshot. Eine Kampagne hingegen wird durch die Character Arcs und die vielen, vielen Plotaufhänger, die man schon vor dem Spiel gemeinsam generiert, fast zum Selbstläufer. Es braucht keine weltumspannenden Metaplots und keine vorgefertigten, mehrteiligen Abenteuerszenarien. Das ist eigentlich das Schöne: Sind die Charaktere und ihre Nachbarschaften einmal erstellt, macht das eigentliche Spiel viel weniger Arbeit als so manche vorgeschriebene Kampagne in anderen Systemen. Ich freue mich jedenfalls sehr darauf, Doria, Zahadi, Garibaldo und Valcrys wiederzutreffen und gemeinsam mit der Gruppe herauszufinden, wohin ihre Eskapaden sie das nächste Mal führen werden.


Vielen Dank an Frank für den ausführlichen Bericht! Ich hoffe, jetzt sind wirklich alle Fragen zum Thema Invisible Sun beantwortet – wenn nicht, lasst gerne einen Kommentar da.

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Spielbericht: Invisible Sun

Nachdem doch einige Leute Interesse daran hatten, etwas zu Invisible Sun zu lesen, mache ich einfach mal spontan einen Blogartikel dazu.

Letztes Wochenende war ja die NordCon und wir hatten das zum Anlass genommen, uns einfach gleich schon ab Donnerstag liebe Leute einzuladen und gemeinsam ein Spiel zu spielen, von dem ich nie gedacht hätte, dass ich es spielen würde, weil es einfach so verdammt teuer ist, dass ich es mir nicht gekauft hätte, ohne eine Runde dafür zu haben. Nicht so Frank, der es sich tatsächlich zugelegt hat, woraufhin ich ihn quasi angebettelt habe, dass er das mal leitet. Und dann hat es auch noch geklappt, weitere Leute zu finden, die vor der NordCon Zeit und Lust hatten. Unglaublich.

Was ist Invisible Sun?

Invisible Sun ist ein Rollenspiel von Monte Cook Games, die man ansonsten vor allem von Numenera kennt. Es ist ein sehr charakterzentriertes Spiel, von den Regeln her Numenera nicht unähnlich (sagte man mir, ich kenne Numenera nur von einer Demo-Runde), das Setting ist eine surreal-magische Welt mit verschiedenen Sphären, die hier Sonnen heißen. Das Spiel ist ganz klar an Leute gerichtet, die es länger spielen wollen und das Geld haben, sich ein aufwändig produziertes und optisch wunderschönes Produkt zuzulegen. Es kostet 250 Euro, was wirklich eine große Summe ist. Dafür bekommt man dann aber auch einen 15 Kilo schweren großen schwarzen Würfel, in dem sich vier Bücher, über 1000 Karten, ein Spielbrett, Stoff-Landkarten und unter anderem ein großer Aufsteller in Form einer Hand befinden. Es ist wirklich irre, was da an sich alles drin ist – Frank konnte nur eine Auswahl mitbringen. Hier ist mal ein Foto von dem gesamten Inhalt:

Natürlich ist das trotzdem wirklich ein stolzer Preis, auch wenn ich sagen würde, das Produkt ist ihn wert, weil es einfach mit unglaublich viel Liebe gemacht ist und auch richtig viel Material enthalten ist. Beispielsweise, das sieht man oben auf dem Bild auch ein bisschen, hat jede der 5 möglichen Charakterklassen einen eigenen Charakterbogen, der jeweils passend designt ist. Außerdem gibt es wirklich sehr viele tolle Farbillustrationen, ich verlinke einfach mal die Homepage, da sieht man ein paar.

Es sollte noch erwähnt werden, wie ich überhaupt drauf kam, das spielen zu wollen, und natürlich ist mal wieder das OneShot-Network schuld. Wenn ihr hier schon länger mitlest, habt ihr ja sicherlich mitbekommen, dass ich letztes Jahr sehr von der Actual Play-Videokampagne zu Invisible Sun geschwärmt habe, die auf OneShot lief. Ich halte das immer noch für eine der tollsten Geschichten, die ich in den letzten Jahren konsumiert habe, auch wenn ich leider gestehen muss, dass ich noch nicht die Zeit hatte, mir Staffel 2 anzuschauen. Ich verlinke einfach nochmal die YouTube-Playlist der Kampagne: A Woman With Hollow Eyes.

Jedenfalls hat mich das System extrem angesprochen, weil die Welt unglaublich faszinierend ist und der Ansatz, dass sich alle Plots aus den Charakteren und deren Zielen, Wünschen und Nachbarschaft ergeben, fand ich  toll. Umso mehr hat es mich gefreut, dass wir spielen konnten.

Das Wichtigste zu Regeln

Invisible Sun ist insgesamt ein unheimlich komplexes System, das es aber schafft, die Komplexität vor allem in die Charaktererschaffung und -entwicklung zu packen und am Spieltisch nicht damit rumzunerven. Jeder Charakter ist ein Vislae, ein*e Zauberwirkende*r, und setzt sich aus verschiedenen Aspekten zusammen. Die wichtigsten sind Order, Heart, Foundation und Forte.

Order klärt die Frage, wie man die Magie benutzt: Es gibt vier Orden sowie die Möglichkeit komplett außerhalb dieser als Apostate zu operieren. Die Orden sind die Vance, die sehr formalisiert zaubern, dafür aber ihre einmal eingeprägten Zauber mehrfach nutzen können, die Weaver, die Zauberwirkungen frei aus 2 oder mehr Aspekten zusammenweben, die Goetica, die Geister, Engel, Dämonen und andere Wesen beschwören können, und die Maker, die verschiedenste magische Artefakte bauen. Jeder Orden hat im Prinzip ein eigenes Magiesystem, das unterschiedlich funktioniert. In diesen Orden kann man dann aufsteigen und damit weitere Fähigkeiten freischalten, außerdem hängt da fluff-technisch natürlich noch viel mit Verbindungen, Rivalitäten, Mentor*innen usw. dran.

Hier zum Beispiel mein Pool: Passend zum Forte habe ich Scrabble-Steinchen benutzt.

Heart ist im Prinzip ähnlich zu dem, was man unter den vier Temperamenten kennt, also phlegmatisch, melancholisch, sanguin, cholerisch. Hier heißt es Stormheart, Flameheart, Waveheart und Stoneheart, wobei man sich jeweils noch aussuchen kann, welchen Aspekt des Heart man besonders herausstellen will. Beispielsweise ist die Default-Beschreibung des Waveheart empathic, ich habe daraus aber ein perceptive gemacht, weil es besser zum Charakter passte. Aus diesen Hearts ergeben sich dann die Punkte, die man auf geistige und körperliche Fertigkeiten verteilt. Und ganz nebenbei ergibt sich daraus, da vermutlich nicht alle dasselbe Heart nehmen wollen, eine gute Dynamik unter den Charakteren gemäß des Four-Temperament Ensembles – ein ziemlich guter Kniff. Die oben genannten Punkte verteilt man dann jedenfalls auf insgesamt 8 Fertigkeiten, 4 körperliche (Accuracy, Movement, Physicality, Perception) und 4 geistige/magische (Interaction, Intellect, Sorcery (damit zahlt man die Zauber) und Sortilege (damit kann man profane Fähigkeiten mit roher Magie verstärken)). Diese Punkte bilden dann Pools, die man am besten mit irgendwelchen Bennies (das Spiel liefert welche mit, man kann aber auch kreativ werden und selber welche mitbringen) abbildet.

Foundation bezieht sich auf die weltliche Stellung des Charakters und beeinflusst, wie viele Verbindungen zu NSC man hat, wie viel Einkommen dem SC zur Verfügung steht und welche Art von Häusern man auswählen kann. Dabei kann man von bizarr oder eremitisch bis zu well-connected alles nehmen. Tatsächlich ist Invisible Sun auch durchaus so ein bisschen ein „baue dein Haus aus“-Spiel, und die Häuser können Fähigkeiten, Geheimnisse usw. haben. Am Anfang sucht man aber nur aus, was für ein Haus man nimmt (large, small, unique, hidden, etc.) und eine Besonderheit, die es hat.

Forte ist dann noch eine Spezialfähigkeit, die jeder SC hat und die man später mit einer Art Skill Tree ausbauen kann. Das gibt jedem Charakter noch eine Reihe von einzigartigen Fertigkeiten, die im Spiel dann auch ähnlich wie Zauber eingesetzt werden können. Ich hatte beispielsweise ein Forte namens „Understands the words“, mit dem man am Anfang z. B. ein Wesen oder einen Gegenstand berühren und ihn verstehen kann (man sieht dann z. B. Level, Name, Alter, Art des Wesens oder andere Informationen), später dann z. B. besonders emotionale Ansprachen halten (und damit Bonuspunkte auf Interaktion bekommen) oder Worte zu Realität werden lassen (man schreibt ein Wort auf einen Zettel und alle um einen herum sehen dann das, was man aufgeschrieben hat, als Illusion) und dergleichen. Allein das ist schon saucool und es gibt so viele großartige Ideen darin.

Am Ende hat man dann einen Charakter, der sich aus diesen vier Bestandtteilen zusammensetzt, die ähnlich wie bei Numenera dann in einen fest aufgebauten Satz verpackt werden. Mein Charakter war also z. B. Zahadi, an eremitic perceptive Weaver who understands the words.

Zusätzlich kann jeder SC noch Zauber dazukaufen, die sie dann einfach zusätzlich zu den eigenen Ordens-Fähigkeiten beherrschen. Es gibt außerdem Geheimnisse, die man lernen kann, um beispielsweise Zauber modifizieren zu können oder bessere Wirkungen zu erzielen oder einfach weitere Sachen zu können. Außerdem hat jeder Charakter immer eine gewisse Anzahl von Ephemera, Einmalartefakten und Einmalsprüchen, ähnlich wie die Cypher in Numenera. Davon kann man eine feste  Anzahl, am Anfang meist 3, auf der Hand haben und sie ohne Zauberkosten einsetzen. Gegenstände kann man finden oder kaufen, Sprüche bekommt man durch eine Meditation von einer Stunde Dauer. Diese Ephemera zieht man zufällig aus einem Kartendeck, man kann also einen eher schwachen oder einen sehr mächtigen Effekt erhalten.

Das klingt jetzt alles erstmal viel und komplex und das ist es auch – die Charaktererschaffung dauert schon eine ganze Weile und man muss natürlich aus die ganzen Fähigkeiten und Zauber und Hausoptionen erstmal durchlesen. Dass wir überhaupt spielen konnten, ging auch nur, weil es inzwischen auch eine PDF-Version von Invisible Sun gibt, die beim Kauf des Würfels vergünstigt ist und die wir als Gruppe gekauft haben. Dann haben wir erst eine Videochat-Charaktererschaffungssession gemacht, dann jede*r nochmal selber weitergebastelt und dann haben wir gemeinsam die Session Zero gemacht – dazu gleich mehr. Das Gute ist jedenfalls, dass im Spiel dann alles gar nicht mehr wirklich kompliziert ist. Man würfelt nämlich einfach immer mit einem W 10 gegen ein Level an, wobei es egal ist, ob man eine Person überzeugen, einen Gegenstand erforschen oder einen Fluch brechen will. Alles hat ein Level und man muss mit dem Wurf die Levelzahl erreichen oder überbieten (also z. B. bei Level 4 eine 4 oder höher werfen). Und mit den Punkten aus den Fertigkeits-Pools kann man dann das Level senken. Wenn man beispielsweise einen NSC mit Level 5 überzeugen will, kann man einen Punkt aus dem Interaction-Pool ausgeben und muss dann nur noch gegen 4 anwürfeln.  Manche Zauber und Fertigkeiten sowie der Einsatz von Sortilege stellen dann noch mehr Würfel zur Verfügung, von denen man dann das beste Ergebnis aussuchen kann. Es gibt dann noch verschiedene Möglichkeiten, die Pools wieder aufzufüllen, aber das würde dann zu weit führen. Jedenfalls war ich doch sehr beeindruckt, dass wir am Spieltisch selber kaum mal Regeln nachschlagen mussten.

Das Setting in Kürze

Hier der Bennie-Pool von Doria, passend zu „adored by the sea“ mit blauen Glassteinen.

Wie schon erwähnt: Invisible Sun ist sehr magisch, sehr surreal und sehr abgefahren. Die Grundprämisse ist, dass es einen großen Krieg gab und sich viele der Vislae in einer falschen Realität, dem Schatten, versteckt haben. Dieser Schatten entspricht unserer irdischen Welt und zu Anfang des Spiel sind die SC gerade seit kurzer Zeit zurück in der Actuality, also der Wirklichkeit. Man startet eigentlich immer in Satyrine, einer Stadt in der Indigo-Sonne. Die anderen Sonnen stehen für bestimmte Aspekte der Magie, beispielsweise Grün für Heilung, Rot für Dämonen, Pale/Fahl für Geister/Tod usw. Gleichzeitig kann man diese Sonnen aber auch physisch bereisen, wobei die Reise zwischen den Sonnen meist ein Abenteuer für sich ist.

Auch optisch ist das alles sehr abgefahren, es gibt beispielsweise die Changery, in der sich Vislae optisch verändern können, um beispielsweise ein Buch statt eines Kopfs zu haben, oder nur noch schwarz/weiß zu sein oder komplett nicht-menschlich auszusehen. Das sieht man auch schon ganz gut in den Beispielbildern auf der Homepage. Aber auch sonst sieht man an allen Ecken und Enden der Settingbeschreibung surreale und magische Elemente, allein die Zauber und Ephemera sind eigentlich so gut wie nie irgendetwas, das einfach Schaden anrichtet. Wir hatten im Spiel beispielsweise einen Spruch, der einem den Namen der Person offenbart, die einen töten will, ein Artefakt, das einem ein zweites Herz und damit mehr Lebenskraft verleiht und einen Spruch, der den Namen einer Person auslöscht, aus jeglicher Erinnerung entfernt und alle Pakte und Bündnisse dieser Person sofort zerstört. Wir waren im Stadtteil Palindrom, der in der Mitte einen Bahnhof hat und links und rechts davon komplett identisch ist. Wir sind mit dem Zug in einem Tunnel steckengeblieben und mussten schnell das Hindernis beseitigen, bevor die im Tunnel lebenden Herzwürmer, die von Herzschlag angezogen werden, ihren Weg in unser Abteil finden. Ich glaube, diese wenigen Beispiele vermitteln schon eine Vorstellung davon, wie das Spiel sich so anfühlt.

Es gibt übrigens auch eine zusätzlich erwerbbare Kampagne, in der man als Spielleitung immer Inhalte bekommt, diese umsetzt und dann zurückmeldet, was in der Gruppe passiert ist, ehe dann der Plot weitergeht. Ich glaube da sind auch so Handouts und Gegenstände drin, die man den Spieler*innen dann aushändigen kann. Da werden die Besonderheiten des Setting sicherlich nochmal besonders gut eingebaut.

Session Zero

Vance-Bennie-Pool aus Mini-Würfeln, daneben sieht man den Datenbogen. Alles quadratisch, praktisch, gut eben.

Ein wichtiger Teil des Spiels ist die Session  Zero, also ein Treffen vor dem ersten Spielabend, in dem die Charaktere miteinander verknüpft werden und die Nachbarschaft jedes SC ausgearbeitet wird. Das funktioniert so, dass man die SC erst einmal kurz vorstellt und dann hat jeder SC ein Bond, also eine Verbindung, zu wenigstens einem anderen SC. Wir haben pro Person 2 genommen und sind auch mit ein paar mehr „Erfahrungspunkten“ (dazu später mehr) eingestiegen. Diese Verbindungen können sowas sein wie Freundschaft, Rivalität, Liebe, aber auch so etwas wie „wir waren im Schatten befreundet“ oder Fated Companions, also zwei Leute, die sich immer wieder scheinbar zufällig begegnen. Das hat dann immer noch regeltechnische Vor- und Nachteile, allerdings eher geringe. Beispielsweise hatte ich mit einem SC das Bond Fellow Students, was bedeutete, dass wir zusammen einen Zauber entwickelt haben, den wir dann dadurch ohne Zusatzkosten aussuchen konnten, der aber nur funktioniert, wenn wir ihn gemeinsam sprechen.

Absolut großartig ist dann die Ausgestaltung der Nachbarschaft jedes Charakters, die man ohne Umschweife für jedes andere System übernehmen kann, das (länger) in einer Stadt spielt. Das funktioniert so, dass für jeden Charakter zwei NSC, drei Örtlichkeiten und zwei Gerüchte festgelegt werden, die in der unmittelbaren Nachbarschaft angesiedelt sind. Da sind dank des Settings der Fantasie keine Grenzen gesetzt. Wir hatten da allen möglichen coolen Scheiß dabei, von einer sprechenden Rattensippe über eine von Vertrautentieren betriebene Apotheke bis hin zu einem Markt, auf dem unfertige Ideen verkauft werden und einem Laden, in dem Musikinstrumente ihre Besitzer stimmen lassen. Allein mit den Ideen hätte man schon einen halben Roman füllen können. Und natürlich kamen in einem OneShot nur ca 3 % davon vor, aber für Kampagnen, worauf das Spiel ja ausgelegt ist, ist das natürlich umso besser.

Charaktermotivation und Feedback

Invisible Sun ist sehr charaktergetrieben und macht tatsächlich die Charakterverbesserung davon abhängig, ob persönliche Ziele erreicht werden. Das funktioniert so, dass man sich am Anfang einen Charakterhandlungsbogen aussucht, so was wie „eine Verbindung knüpfen“ oder „ein Rätsel lösen“ oder „Gerechtigkeit bringen“ oder so. Dafür gibt es zahlreiche Beispiele, man kann sich aber auch selbst etwas aussuchen. Am Ende jeder Sitzung schaut man, wie weit man mit dem Handlungsbogen so gekommen ist und bekommt für bestimmte Zwischenschritte XP (die hier Accumen heißen). Wenn ein Bogen abgeschlossen ist oder wenn man einen zweiten anfangen will, kann man den mit Accumen freischalten. Mit diesen bezahlt man auch den Aufstieg im eigenen Orden, neue Zauber und Geheimnisse usw. Daneben gibt es noch den Mechanismus Freude oder Verzweiflung. Die Spielleitung kann gute oder schlechte Ereignisse einbauen und den Charakteren damit Freuden- oder Verzweiflungspunkte geben. Zudem wird am Ende jeder Session geschaut, ob für den SC die Ereignisse aus Sicht des Charakters eher gut oder eher schlecht waren und dann bekommt man auch nochmal einen Punkt Freude oder Verzweiflung. Ein Punkt von jedem ergibt einen Crux, und mit dem kann man dann die Forte-Fähigkeiten steigern.

Ich halte das für einen wirklich sehr gelungenen Mechanismus, denn dadurch wird angeregt, dass jeder SC immer mal positive und mal negative Ereignisse hat, es gibt am Ende immer automatisch eine Feedbackrunde und kein Charakter wird einfach so mitlaufen, ohne sich um die eigenen Ziele zu kümmern, sonst gibt es ja sehr viel weniger Accumen. Und die Rekapitulation der Session-Ereignisse am Ende, um zu gucken, ob das jetzt eher Freude oder eher Verzweiflung auslöst, fand ich auch als Spielerin total hilfreich, nicht nur aus Sicht der Spielleitung.

Sooth Deck und Development Mode

Hier seht ihr die ersten drei Karten unserer Spielsitzung.

Wie ich eingangs sagte: Invisible Sun ist eher für Leute mit viel Geld. Viel Geld heißt oft auch weniger Zeit. Und hier kommt ein weiterer toller Mechanismus ins Spiel, nämlich der sogenannten Development Mode. Das ist eine Möglichkeit, wie man außerhalb der Sessions weiterspielen kann, mal nur mit einem Teil der Gruppe etwas ausgestalten oder schnell und elegant einen Flashback oder eine längere Recherche abhandeln. Das funktioniert so, dass es als ein Element des Spiels ein Set aus 60 Tarot-artigen Karten gibt, das Sooth Deck. Diese Karten haben alle ein schickes Bild und in einem der Bücher eine ausführliche Interpretationsanleitung. Man kann dann also einfach eine bis x Karten ziehen und frei interpretieren, wie eine Sidequest oder ein Flashback so abgelaufen ist. (Kann man ansonsten natürlich auch im Spiel, wenn man gerade nicht weiß, was der Charakter wohl als nächstes tun könnte.) Es gibt, wenn man das Spiel gekauft hat, sogar ein Online-Tool dazu, bei dem man Karten ziehen und die Interpretation nachlesen kann, man kann also tatsächlich außerhalb der Sessions am Handy oder PC weiterspielen. Auch das ist ein Mechanismus, den ich richtig cool finde und den man vermutlich ohne große Probleme auch für andere Systeme benutzen kann. Ich habe mir tatsächlich auch separat das (aktuell vergriffene) Sooth Deck bestellt und hoffe, es ist bald wieder lieferbar.

Im Spiel selber wird das Sooth Deck übrigens auch verwendet. Für jede Szene zieht man eine neue Karte. Das ist zum einen eine Inspiration dafür, was passieren könnte und wie die Stimmung so ist, zum anderen hat es aber auch kleine regeltechnische Auswirkungen im Rahmen von 1-2 Punkten Erleichterung/Erschwernis. Man kann übrigens, das haben wir in Anlehnung an OneShot auch gemacht, für jeden Charaktere eine Karte festlegen, das ist dann noch so ein zusätzlicher Gag, wenn die gezogen wird.

Spieltest

Nach unserer gemeinsamen Charaktererschaffung, Session Zero und Spielsitzung muss ich sagen: Wow, das funktioniert ja wirklich so, wie es im Actual Play rüberkam. Die Charakterbögen, die Bilder, das Sooth Deck und allein schon die Formulierungen der Fähigkeiten und Zauber vermitteln total gut die Stimmung, die das Spiel erzeugen will. Es war erstmal eine gewisse Arbeit, sich einzulesen und zu verstehen, wie die Charaktere gebaut werden, als sie erstmal fertig waren und wir dann gespielt haben, mussten wir uns aber kaum mit Regeln aufhalten und konnten eine wirklich schöne Geschichte erzählen. Platz braucht das Spiel allerdings schon – wir mussten extra den Esstisch in die Sofaecke rücken. Und ausziehen. (Filed under: Irgendwann lass ich mir nen vernünftigen Rollenspielcouchtisch tischlern.) Hier ist mal ein Foto:

An Charakteren wollten wir natürlich alles ausprobieren, was geht, demzufolge hatten wir dann 4 Orden und 4 Hearts drin. Kurzvorstellung der SC und ihrer Handlungsbögen:

  • Doria, bizzare flame-hearted Goetica who is adored by the sea, eine auf einem Segelschiff lebende Abenteurerin auf der Suche nach einer würdigen Nemesis.
  • Garibaldo, bizarre Ardent of the Order of the Vance who turns tales into reality, ein aus dem Schatten zurückgekehrter Opernsänger, der in der Actuality Opern Realität werden lassen will.
  • Valkrys, established stoic of the Order of Makers who cages adversaries, ein Gefängniswärter, der seine Gefangenen in Spiegel sperrt und auf der Jagd nach einer entflohenen Insassin ist.
  • Zahadi, eremitic perceptive Weaver who understands the word, die ein Haus aus Vorkriegszeit mit einer rätselhaften Maschine auf dem Dachboden geerbt hat und versucht herauszufinden, was es damit auf sich hat.

Wir hatten mit einer Spielsession von 16:00 bis 0.00 Uhr nun auch nicht beliebig viel Zeit und es gab ja quasi allein durch die Handlungsbögen und die Nachbarschaften unendliche viele Anknüpfungspunkte. Am Ende wurde die Handlung dann von zwei kurzen Development Mode-Sessions beeinflusst, die wir kurz vorher noch gemacht hatten. Wir wollten nämlich rausfinden, worum sich die Rivalität von Zahadi und Garibaldo eigentlich dreht und warum Valkrys und Zahadi gemeinsam einen Zauber entwickelt haben, um Flüche zu brechen. Bei beiden Kartenlegungen kam dann als erstes die Karte Jackal, eine sehr krasse Nemesis-Karte, die auf allgemeine Bedrohungen und mächtige Wesen hinweist, aber auch gerüchteweise auf eine tatsächlich existierende Entität, die der Schakal genannt wird, zurückgeht. Damit schrieb sich die Anfangssituation wie von selber: Garibaldo wollten den Schakal finden, weil er ihn als Antagonisten in seine Oper einbauen will, während Zahadi ein Relief des Schakals auf ihrer seltsamen Maschine gefunden hatte und deshalb mehr über ihn herausfinden wollte. Dabei hatte sie sich bei ihren Recherchen einen Fluch eingefangen, der sie langsam drohte, in einen Spiegel zu ziehen, und da Spiegel in der Welt von Invisible Sun gefährliche bösartige Dinge sind und sich alle von ihnen fernhalten, musste sie sich an Valkrys wenden, der sich als einer der wenigen Vislae mit Spiegeln auskennt. In einer eher frustrierenden Zusammenarbeit (Maker trifft auf Weaver und so) gelang es, den Fluch zu brechen, aber dadurch wurde der Schakal erst recht auf die beiden aufmerksam – und dadurch ergab sich dann alles Weitere.

Am Ende der Sitzung hatten wir alle einen Teil unseres Handlungsbogens abgearbeitet (oder ihn gar schon vollständig abgeschlossen), hatten verhindert, dass Diener des Schakals ein gefährliches Artefakt aus Kriegszeiten in die Finger kriegen und währenddessen zumindest einige tolle Ausschnitte von Satyrine gesehen. Natürlich war das alles viel zu wenig Zeit für diese Charaktere und die angefangene Story und ich hoffe irgendwie immer noch, dass wir das weiterspielen können, vielleicht online oder bei einem weiteren Treffen.

Vielen, vielen Dank jedenfalls an Frank, der sich das Spiel gekauft, sich eingearbeitet und für uns geleitet hat! Und vielen Dank auch an meiner wunderbaren Mitspieler, es war mir ein Fest.

Fazit

Invisible Sun ist definitiv kein System, das man sich mal eben auf Verdacht zulegt und hofft, dass man es schon mal auf irgendeiner Convention spielen kann. Dafür ist es schlicht zu teuer und auch zu sehr auf Kampagnenspiel ausgelegt. Für diese Zwecke macht es aber meiner Meinung nach wirklich sehr viel richtig. Dass alles von den Charakteren ausgeht und in der Welt eigentlich alles möglich ist, macht es sicherlich nicht unbedingt leicht zu leiten, ermöglicht aber andererseits Geschichten, die wirklich mal ganz anders sind und von dem angetrieben werden, was die Spieler*innen wirklich interessiert. Gleichzeitig bietet das Setting aber auch so viel an tollen Locations, Personen, Ideen, Wesen und Mysterien, dass es nicht schwer ist, die Charaktergeschichten mit der Welt zu verknüpfen. Einige Aspekte des Spiels, wie die Session Zero mit der Erschaffung der Nachbarschaft oder der Development Mode mit dem Sooth Deck, sind auch über das System hinaus interessant und können gut für andere Rollenspiele benutzt werden.

PS: Frank hat seine Eindrücke aus Sicht der Spielleitung auch noch einmal zusammengefasst: KLICK!

PPS: Kleiner Werbeblock am Schluss: Ich habe seit Neuestem eine eigene Homepage, schaut gerne rein.

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Die 13 Gezeichneten 2: Die Verkehrte Stadt

Handwerksmagie, Mysterien, Krieg und Revolution: Nach einem Jahr Wartezeit erschien im März endlich der zweite Teil von Die 13 Gezeichneten, und ich möchte wieder ein paar Worte darüber verlieren.

Disclaimer: Ich habe vom Verlag ein Rezensionsexemplar des Buches erhalten.

Disclaimer 2: Ich kenne die Autorin und den Autor des Buches persönlich. Wie immer gilt: Ich würde trotzdem meckern, wenn ichs doof fand.

Die 13 Gezeichneten: Die Verkehrte Stadt, Bastei Lübbe, € 14.00

Nachdem mich Teil 1 schon sehr begeistert hatte, war ich sehr happy, als Band 2 irgendwann im März in meinem Briefkasten lag. Das Cover ist auch wieder sehr cool geworden (man kann sich übrigens, Achtung, Twitter-Link, noch ein bisschen was zur Entstehung durchlesen: KLICK!) Allerdings stieg die Freude dann um ungefähr 3000 %, als ich das Buch aufklappte und die Widmung las.

Weil:

Ich meine … IST DAS NICHT DAS COOLSTE ÜBERHAUPT???

(Und in der Danksagung steh ich AUCH NOCH, meine Güte, so viel Liebe.)

Also eigentlich ist damit natürlich das Highlight des Buchs schon früh erreicht *hust*, aber natürlich kann der Inhalt auch mit der Awesome-igkeit der Widmung mithalten.

Ich versuche mich mal ausnahmsweise ein wenig kürzer zu fassen, um gar nicht erst in die Verlegenheit zu kommen, so tief auf den Inhalt einzugehen, dass ich spoilern müsste.

Zweite Teile von Trilogien haben ja mitunter das Problem, dass sie irgendwie die Story weiterführen müssen, dabei aber noch nicht zum Finale kommen können, und im schlimmsten Fall schlägt sich das dann in so rumeiernder Handlung oder in „wir machen nochmal das, was in Band 1 funktioniert hat“ (I am looking at you, Hunger Games!) nieder. Glücklicherweise ist das bei Die Verkehrte Stadt überhaupt nicht der Fall. Die Geschichte und die Charaktere entwickeln sich so weiter, dass es total logisch und organisch wirkt. Am Ende ist der Konflikt des Bandes beigelegt, aber ein neuer entstanden, ähnlich, wie es in Band 1 schon war. (Und falls ihr dachtet, der Cliffhanger am Ende von Band 1 war schlimm: Ahahahahaa.)

(Also, echt jetzt.)

Aber zum Glück liegen vor dem Cliffhanger ja noch 600 Seiten, die einfach echt Spaß machen. Von denen ich 350 an einem Tag verschlungen habe, weil ich einfach nicht aufhören konnte.

Die Verkehrte Stadt ist genauso spannend wie Teil 1, es gibt ein paar sehr tolle neue Charaktere (Guillome!! Guillome ist gleichzeitig the best und the worst und ich mag den wirklich sehr), die mir teilweise auch vor allem deshalb gut gefallen haben, weil man merkt, wie viel Gedanken so in die Frage geflossen sind, wie die Träger eines Urzeichens wohl aussehen könnten und dann eben nicht das erstbeste Klischee verwendet wurde. Aber auch die Charaktere aus Teil 1 sind weiter sehr gut gelungen, entwickeln sich interessant weiter und haben mit Problemen zu kämpfen, die man vielleicht gar nicht sofort erwartet hätte. Das gilt diesmal auch besonders für Lysandre Rufin, der im ersten Teil ja schon ein unglaublich guter Antagonist war und sich in Band 2 irgendwie so entwickelt, dass ich sehr gespannt darauf bin, wie es in Band 3 mit ihm weitergehen wird. Achja, und Die Verkehrte Stadt hat es dann glatt geschafft, dass er nicht mehr auf Platz 1 der Fiesen-Möpp-Liste steht, da gab es zwei Charaktere, die ich echt mehr hasse inzwischen.

Nachdem Teil 1 der Trilogie vollständig in Sygna spielte, gibt es in Band 2 noch verschiedene andere Schauplätze. Vor allem Naronne hat mir wirklich sehr gut gefallen, als kaiserliche Studentenstadt am Meer und mit toll beschriebenen Gebäuden und einer irgendwie ganz eigenen Stimmung, die auf den doch eher wenigen Seiten, die in Naronne spielen, gut rüberkam. Das wäre auch übrigens einer der wenigen Kritikpunkte, die ich am Roman habe: Ich hätte von Naronne und den dort stattfindenden Ereignissen gern etwas mehr und etwas ausführlicher gelesen. Gleichzeitig hätte ich aber auch nicht auf Teile der restlichen Geschichte verzichten mögen und das Buch hat ja nun schon 600 Seiten. Jedenfalls, und das fand ich super, merkte man sehr, dass die Romanreihe einfach nicht im luftleeren Raum stattfindet, sondern es in der Welt noch sehr viel mehr zu entdecken gibt. Crossover zum Rollenspielsetting Scherbenland gab es diesmal jedenfalls noch mehr und noch deutlicher als in Teil 1, das hat mir sehr gefallen. Ich hoffe, es gibt in der Zukunft noch mehr Content, der auch die anderen spannenden Schauplätze des Settings beleuchtet. Aber auch Sygna selbst, mit seinen schon etablierten Geheimnissen, wird näher erforscht und beleuchtet und ist nach wie vor einfach ein tolles Setting.

Die Handwerksmagie, die schon im ersten Band sehr schick, weil einfach mal eine ganz andere Art von Zauberei, war, spielt natürlich auch im zweiten Teil eine große Rolle. Die Abschnitte des Romans, die mehr Hintergrund dazu etablieren, die Schattenseiten (ahahahaha, Wortspiel für Eingeweihte…) der Magie zeigen und die Geschichte der Zeichenträger nach und nach immer weiter enthüllen, waren für mich auf jedenfall eins der Highlights. Ich liebe Geschichten, bei denen man nach und nach immer weiter unter die Oberfläche sehen kann und Settings, die so viel Tiefe haben.

Sehr cool fand ich auch viele zwischenmenschliche Aspekte, die beleuchtet werden. Es gibt beispielsweise eine fantastische, lustige, sich „echt“ anfühlende Sexszene, die dem Klischee der errötenden Jungfer mal so richtig den Stinkefinger zeigt, es gibt einen sehr tollen Moment, in dem ein Charakter die ihm eingetrichterte toxische Maskulinität einfach mal über Bord wirft und seinen Kumpel in den Arm nimmt, es gibt ein Sich-Selbst-Akzeptieren eines Charakters, das mich zu Tränen gerührt hat. Dass alle Charaktere so gut rüber kommen und man so mit ihnen mitfiebert, ist bei einem so großen Cast sicher auch nicht selbstverständlich, aber hier ist es sehr gelungen.

Wie eigentlich immer bei den Vögten verbirgt sich hinter der spannenden Geschichte aber noch weitaus mehr, nämlich auch hier wieder eine fundierte Gesellschaftskritik, die den Roman auch über die eigentliche Handlung hinaus sehr relevant macht. Immer wieder wird thematisiert, wie schwierig es für die Mächtigen ist, wenn ihre Macht, ihre Stellung, ihr das-haben-wir-doch-schon-immer-so-gemacht infrage gestellt wird, wenn andere Menschen auch ein Stück vom Kuchen abhaben und Gehör finden wollen und wie viel es nicht um Inhalte geht, sondern um Posten und Ansehen. Und auch wie weit manche, ja, sorry, alte weiße Männer gehen würden, um sich ihre Position weiter zu sichern, fühlte sich fast schon unangenehm aktuell und relevant an. Von daher wieder ein großes Kompliment an Judith und Christian – ich feiere euch dafür, dass ihr immer mehr macht als nur eine spanennde Story erzählen zu wollen!

Also insgesamt wieder alle Daumen hoch, 13 von 13 Zeichen! Wer Fantasy mit ungewöhnlicher Magie und tollem Weltenbau mag, kann hier in jedem Fall zugreifen und bekommt gleich noch eine spannende Story und tolle Charaktere dazu.

Ich hoffe, die Wartezeit zu Band 3 vergeht schnell. Und wenn dann … und … nicht endlich knutschen, ey….!

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Mediengedöhns im März 2019

Der März ist um, Medien wurden konsumiert, hier kommt das Mediengedöhns:

Gelesen

Endlich habe ich Americanah von Chimamanda Ngozi Adichie zu Ende gelesen. Und boah, was für ein Buch. Also nicht nur eine tolle Geschichte und wunderbar geschrieben, sondern ich habe auch richtig viel gelernt dabei, denn, Überraschung, als Weiße Mitteleuropäerin hat man schlicht mal gar keine Ahnung von der Lebensrealität einer in Amerika arbeitenden Nigerianerin. Und von der kriegt man eine ganze Menge mit. Und über Nigeria auch. Und über die verschiedensten Formen von Rassismus, der in den USA noch immer alltäglich ist. Ich kann den Roman nur wärmstens empfehlen und möchte jetzt dringend noch mehr von Adichie lesen.

Und es gab natürlich auch wieder diverse interessante Artikel in den Weiten des Internets.

Den Gender Pay Gap kennt ihr hoffentlich schon, war ja im März auch gerade wieder Thema. Weniger bekannt, aber ebenso wichtig: Der Gender Data Gap. Dazu erschien ein sehr guter Artikel im Guardian, und man möchte mal wieder fassungslos den Kopf schütteln über die Tatsache, dass 50 % der Weltbevölkerung offensichtlich immer noch die seltsame Ausnahme darstellen, auf die man keine Rücksicht nehmen muss, wenn man Autos, Smarthpones oder Sicherheitskleidung herstellt.

Der Feder & Schwert-Verlag hat ein neues Programm namens Wicked Queens, in dem feministische SFF erscheinen wird. Sehr cool, Daumen hoch – und mehr dazu in diesem Interview mit Kathrin Dodenhoeft bei Tor-Online.

Im März war ja auch Fasching – glücklicherweise in Hamburg ja eher nicht so ein Thema – und es ging auch mal wieder darum, ob es okay ist, wenn Kinder sich als „Indianer“ oder „Chinesen“ verkleiden. Spoiler: Nein, das ist rassistische Kackscheiße, und wenn jetzt noch einer fragt, wen in Deutschland ein „Indianer“-Kostüm denn überhaupt stört: Diesen Menschen hier zum Beispiel.

Fantastischer Artikel über „Konserative“, die den Begriff ad absurdum führen.

Ein schöner Beitrag zum Thema Feminismus und wieso er auch für Männer gut ist.

Drüben bei den Apalkawolken geht es um queere Repräsentation und die Frage, warum diese immer sofort mit Sex gleichgesetzt wird.

Das unfassbare Interview mit Axel Voss zum Thema Uploadfilter habt ihr ja sicher schon alle gelesen, aber nur zur Sicherheit nochmal der Link. He does not know how to internet. (Und nun haben wir den Salat.)

Verfahren über häusliche Gewalt in der Praxis. Deckt sich mit meinen Erfahrungen.

Und zum Schluss noch: Die Politik ist bürgerverdrossen. Besser kann man es wohl nicht zusammenfassen.

Geschaut

Am Eröffnungstag zu Captain Marvel im Kino gewesen – also aus Interesse am Film, aber auch, weil ich am Tag danach auf die HeinzCon gefahren bin und daher am Wochenende sonst keine Zeit mehr war. Und sehen wollte ich den Film ja dringend und möglichst ohne Spoiler gelesen zu haben. Also, Captain Marvel, nach nur 20 Filmen des MCU dann doch mal einer mit einer weiblichen Superheldin als Hauptfigur, und natürlich war der Aufruhr der Internet-DudeBros so groß, dass Rotten Tomatoes erstmalig die Option, einen Film vor Veröffentlichung zu bewerten, gesperrt hat. (Ich frage mich da: Warum gab es die je, also für Zuschauer, die Kritiker sehen die Filme ja teilweise früher, aber … warum gab es je die Möglichkeit, Filme nach dem Trailer und ein paar Infos bewerten zu können? Sehr seltsam.) Aber das nur am Rande. Der Film selber hat mir sehr gut gefallen – sehr MCU-typisch beschwingt und lustig, Carol Danvers ist eine großartige Protagonistin, es gab eine niedliche Katze, tolle Musik, sehr viele 90er-Jahre-Musik und Nick Fury als Sidekick war auch super. (Aber viel zu wenig Coulson!!!) Ich prophezeie ja nach der 80er-Nostalgiewelle jetzt das selbe mit den Neunzigern. In den Trailern war schon ein anderer Film zu sehen, der da auch voll drauf abzielt (Name leider vergessen. Irgendwas mit Skateboards.). Der Film hatte sogar einen Plottwist, den ich nicht habe kommen sehen, fand ich auch gut. Und insgesamt fand ich den einfach sehr toll, lustig, empowering und cool. Bin schon sehr erfreut darauf, Captain Marvel bald wieder in Endgame zu sehen.

Auf Netflix geschaut: Die neueste Staffel Grace and Frankie, ich musste jetzt direkt mal nachschauen: Es ist schon die 5. Staffel. Und eine weitere ist schon bestellt. Ganz schön beachtlich, wenn man bedenkt, dass alle 4 Hauptdarsteller*innen schon über 80 sind. Ich mag die Serie nach wie vor unglaublich gerne, man sieht so selten überhaupt mal ältere Personen in den Medien, die nicht irgendwie als lustiger Sidekick oder bemitleidenswertes hutzeliges Mütterchen dargestellt sind. Und die komplizierte Freundschaft der beiden alten Damen ist auch einfach großartig. Außerdem find ich auch die Plots um die Kinder immer super, vor allem Brianna ist einfach so toll und immer wieder umwerfend komisch. Insgesamt wirklich immer noch eine tolle Serie. Außerdem möchte ich sehr gerne in diesem Beachhaus wohnen, oder noch besser, in dem unglaublich schicken Haus von Saul und Robert. Alternativ nehm ich auch einfach nur diese unglaubliche Eingangstür.

Ebenfalls geschaut: Staffel 2 von Black Lightning. Eher so nebenbei zum Essen und nicht total gebannt. Die Serie ist schon cool und ich mag Familie Pierce ja schon sehr, aber der Plot schlägt manchmal doch ein paar seltsame Kapriolen, der Antagonist ist so übertrieben BÖÖSÄÄH, dass es mich teilweise echt genervt hat. Und das Pacing ist manchmal auch etwas schräg und naja, die Kostüme sind schon sehr comicartig, ich mag da ja die etwas solidere Herangehensweise des MCU lieber. Aber trotzdem kann man Black Lightning schon ganz gut gucken, diesmal waren es auch mehr so mehrere kleine Handlungsbögen innerhalb der Staffel. Mein Highlight sind auch einfach immer Anessa und Jennifer und deren tolle Schwestern-Beziehung, bzw. generell so diese ganze Familiendynamik, die man ja im Superheldengenre eher selten hat.

Speaking of Familien und Superhelden: Dann war da ja noch The Umbrella Academy, eine recht neue Netflix-Adaption der gleichnamigen Comics. Der Trailer sah irgendwie einfach nur seltsam und abgedreht aus und ich hatte auch gar nicht so Lust auf die Serie, aber dann haben wir doch reingeschaut und sie auch doch recht fix durchgesuchtet. The Umbrella Academy dreht sich um eine sehr dysfunktionale Familie, die aus sieben Geschwistern besteht, die von einem reichen Exzentriker adoptiert und zu Superhelden ausgebildet wurden, mal mehr und mal weniger erfolgreich. Im Alter von ca. 30 (würde ich schätzen) sind die Geschwister alle zerstritten, haben ihre eigenen Probleme, haben gar keine Kräfte oder sind verschwunden bzw. einfach schon tot. Dann stirbt der Vater (das ist die 1. Szene der Serie) und alle müssen sich wieder zu Hause einfinden und damit umgehen. Und dann passiert natürlich ganz viel und sie müssen sich mit zeitreisenden Attentätern, internen Streitigkeiten, einer Androidin mit Fehlfunktionen und dem Ende der Welt herumschlagen. Die Serie ist ziemlich schräg, teilweise recht splatterig, hat unfassbar viele zu cooler Musik inszenierte Kampfszenen und Montagen und hat mir insgesamt recht gut gefallen. Leider sind halt von den 7 Geschwistern 5 Männer, und die beiden weiblichen Charaktere sind auch etwas klischeehaft geraten. Dafür fand ich aber die männlichen Charaktere teilweise sehr erfrischend anders, und ein paar ausgefallenere weibliche Figuren (Cha-Cha z. B.) gab es dann schon doch noch. Außerdem musste ich ja nach der Staffel mal nachlesen, wie das eigentlich im Comic ist und oh boy, da hat die Serie ehrlich gesagt schon noch einiges an Diversifizierung geleistet. Im Comic sind nämlich die aus der ganzen Welt zusammenadoptierten Kinder einfach mal alle Weiß *augenroll*, und der Umgang mit den weiblichen Charakteren ist da mal richtig beschissen. Während es in der Serie so ein paar eher uncoole Gaslighting-Dinge und klischeehafte Tropes gibt, aber insgesamt ging das für mich noch klar. Auch wenn ich wirklich immer denke: „Boah, genderswapped doch einfach mal nen Charakter wie Luther, wie spannend wär das bitte!“. Im Gegensatz zu gefühlt meiner ganzen Twitter-Timeline fand ich das Ende auch nicht cliffhangerig, sondern eigentlich nen schönen runden Abschluss. Eine zweite Staffel würde ich mir aber auch gerne ansehen.

Gehört

Zwei neue Podcasts auf der Liste:

Nämlich einmal Rice and Shine, ein vietdeutscher Podcast über das Leben als Kind vietnamesischer Einwanderer. Sehr cool, bisher sehr interessant und sympathisch. Bonuspunkte für das tolle Titel-Wortspiel. Und wenn Podcasts nicht so euer Ding sind – ein tolles Interview mit Vanessa und Mhin Thu gibt es auch zum Lesen.

Und dann noch: Darf sie das? Der Podcast von Nicole Schöndorfer erscheint einmal die Woche und hat immer ein kurzes, knackiges Thema aus dem Bereich Feminismus, sowie eine Analsyse der bescheuertsten Kommentare zur Folge der Vorwoche. Inhaltlich super, Bonuspunkte für Wiener Dialekt, der geht bei mir ja immer.

Gespielt

Im März war HeinzCon, da habe ich dieses Jahr einiges an neuen Spielen ausprobieren können. Aber auch sonst haben wir immerhin dreimal Samstags DSA gespielt und unseren aktuellen Abschnitt der Lamea-Kampagne beendet. Unser SL hat aus den verschiedenen Episoden in der Narkramar noch ein sehr tolles und episches Finale ersonnen, das (nach dem für mich etwas enttäuschenden Finale von Im Netz der Spinne) noch ein richtig toller und berührender Abschluss war. Danach haben wir noch einen Abend Nachklapp und Epilog gespielt und jetzt geht es zurück in aventurische Gefilde. Vermutlich steht als nächstes ein kurzes Abenteuer aus dem Director’s Cut der Quanionsqueste an und danach die Thorwalergruppe, die mal wieder in den Norden zieht.

Auch unsere City of Mist-Runde fand ohne Ausfälle statt. Nach einem Jahr hatten wir dann endlich mal unseren ersten Themebook-Wechsel, das war dann schon sehr cool, zumal es ungeplant durch einen Stop Holding Back-Move passierte. Ansonsten sind wir immer noch beim zweiten Fall, ich bin schon gespannt, wie lange der sich noch so hinziehen wird und wie er am Ende ausgeht.

In Hinsicht auf neue Spiele begann der März mit Lovecraftesque. Hat mich leider wirklich gar nicht überzeugt. Dass man quasi storymäßig unabgesprochen agiert und gegeneinander anspielt, um die eigene Idee durchzudrücken, gefällt mir ebensowenig wie die für mich sinnlos scharfe Trennung zwischen Quasi-Spielleiten und Charakter spielen – dass man sich den auch noch zu viert teilt, macht die Sache nicht besser. Nee, muss ich nicht nochmal haben.

Auf der HeinzCon ging es am Freitag los mit Bikers in Space (Arbeitstitel), einem FATE-meets-PbtA-System von den Vögten und Harald vom 3W6-Podcast. Man spielt quasi eine Motorradgang, nur dass sie nicht auf Motorrädern, sondern auf Raumjägern unterwegs sind und versuchen, möglichst viele andere Gangs plattzumachen – und das Ganze auf Social Media zu vermarkten. Wir hatten eine sehr große, sehr lustige Runde und viel Spaß mit übertrieben toxischem Verhalten, Eskapaden in der Dampfsauna und Liebesdrama. Achja, und Raumjägerkampf, aber, wenig überraschend fand ich den natürlich viel weniger spannend als die anderen Aspekte …

Dann habe ich Samstag im Ferienhaus eine Runde Itras By geleitet. Das hatte ich in der deutschen Übersetzung im Crowdfunding gebackt und es war kurz vor der Con angekommen. Und da es quasi gar keine Regeln hat und ich das Setting so toll finde, habe ich es direkt angeboten. Wir hatten dann eine kurze, aber dennoch denkwürdige Runde rund um eine Zaubershow, die Suche nach einer besonderen Pflanze und auffällig viele Kaninchen. Das System hat mich echt überzeugt, das Spielen mit den Entscheidungs- und Zufallskarten funktioniert super und es ist als regelleichtes Erzählsystem, in dem man vor allem gemeinsam eine surreale Geschichte erzählen will, wirklich gut geeignet. Muss ich dringend nochmal spielen.

Dann hat Judith abends für uns The Watch geleitet. Das ist ein PbtA, in dem man eine Gruppe von Kämpfer*innen im Kampf gegen den Schatten spielt, der ihre Heimat befallen hat und der zurückgedrängt werden soll. Wobei der Schatten quasi eine Allegorie auf toxische Männlichkeit ist, weshalb man auch nur Nicht-Männer spielt. Das Konzept und die Playbooks waren super, die konkrete Umsetzung fand ich, gerade für einen OneShot, echt gewöhnungsbedürftig. Man würfelt quasi erst aus, wie die gesamte Mission gelaufen ist und spielt dann einzelne Szenen davon in so Schlaglichtern aus. Das finde ich furchtbar unintuitiv und irgendwie muss man sich da glaube ich erst dran gewöhnen. Eigentlich ist es auch auf Kampagnenspiel ausgelegt, was es vielleicht etwas besser macht, aber … so richtig sehe ich den Sinn dahinter nicht. Es war zwar trotzdem eine coole Session und einige Aspekte des Systems (dass man z. B. besser wird, wenn man sich so voll ins Kriegstrauma reinwirft, dann aber auch sehr schnell mit dem Charakter am Ende ist) haben mir gut gefallen. Hm. Ich bin schon sehr gespannt auf die OneShot-Folgen dazu, die gerade erscheinen und würde das gerne nochmal versuchen, da es ja doch auch sehr coole und positive Aspekte hatte. Aber es ist ein bisschen mühsam reinzukommen und ich verstehe nicht so richtig den Sinn hinter der Herangehensweise.

Am Sonntag hat es dann noch für 2 Nanogames gereicht: Sprachlos von Christian, ein Spiel, in dem man sich spielerisch mit Diskussionskultur und Sprachbarrieren befasst (sehr cool!) und Vor der Schlacht, mein Nano-Game aus Roll Inclusive. Wir hatten eine grandiose Runde mit einem Haufen Dungeon-Monstern, die gegen eine generische Helden-(LARP-)Gruppe kämpften und der theaterspielende zweiköpfige Oger, der Gallertwürfel mit Dunkelangst und die technikaffine Mumie werden mir wohl noch lange im Gedächtnis bleiben. Es war sehr cool, mein Spiel so in Action zu sehen und ich bin sehr froh, dass auch diesmal, wie auch schon im Playtest, eine echt coole Story dabei raus kam.

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Mediengedöhns im Februar 2019

Der Februar ist um, Medien wurden konsumiert, you know the drill.

Gelesen

Leider kann ich noch nicht ganz abschließend über Americanah von Chimamanda Ngozi Adichie schreiben, weil mir noch ungefähr 90 Seiten fehlen. Ich lese schon den ganzen Februar dran, das Buch hat 460 Seiten in so ungefähr Schriftgröße 9. Allerdings kann ich schon mal grob sagen: Bitte kaufen. Bitte lesen. Was für ein großartiges, augenöffnendes und wunderbar geschriebenes Buch.

Hier nun wieder eine bunte Auswahl an Artikeln:

Die Zeit schreibt über Gendermedizin. Das Thema macht mich echt sowas von wütend. Aber besser keinen Herzinfarkt kriegen vor Wut, sonst werde ich vermutlich mit ein paar Beruhigungsmitteln wieder nach Hause geschickt.

In der Süddeutschen gibt es einen Artikel über obdachlose Familien. Man bekommt keine bessere Laune durchs Lesen.

Und wenn man dann noch nicht deprimiert genug ist, kann man sich noch durchlesen, wie es den Leuten ergeht, die für Facebook gemeldete Inhalte durchsehen müssen. (englisch)

„Wenn der Mainstream fortschrittlicher ist als die, die besonders laut vorgeben, ihn zu bekämpfen, dann leben wir wirklich in besonderen Zeiten.“ Großartiger Artikel.

Schnell mal lieber was nettes und nerdiges:

Ein englischer Artikel über die Rolle der Zuschauer*innen bei Star Wars. Sehr spannend.

Und ein schöner Rollenspielartikel bei Donnerhaus über das Thema, wie man NSC lebendig wirken lässt.

Bei Bento gibt es einen großartigen Artikel über die Bullshitigkeit von Afrikareisen mit vorgefertigtem Ergebnis.

Ein wunderbarer Comic über Tone Policing. Und wenn ihr nicht wisst, was das ist: Im Artikel wird es erklärt.

Und zum Schluss noch zwei tolle Dinge auf Tor-Online:

Judith schreibt eine Reihe über Science Fiction von Frauen. Den Anfang macht ihre Vorstellung von N. K. Jemisin (deren Buch als nächstes auf meinem Stapel liegt).

Und hier ein tolles Interview mit Kathrin Dodenhoeft vom Feder und Schwert-Verlag über die großartige Idee, eine neue Reihe an Büchern mit feministischer SFF herauszubringen, die unter Wicked Queen laufen wird. Ich freu mich drauf!

Gesehen

Eher ungeplant angefangen, Russian Doll zu gucken. Eigentlich nur weil da Natasha Lyonne mitspielt, die ich bei Orange is the New Black schon großartig finde. Dann aber sehr schnell fasziniert gewesen von der Serie und die 8 Folgen in 2 Tagen weggeschaut. Russian Doll ist so eine Art Groundhog Day-Geschichte – die Hauptfigur Nadia erlebt ihren Geburtstag immer und immer wieder, weil sie nämlich dummerweise an diesem Abend oder am nächsten Tag stirbt und dann immer wieder zum selben Moment der Party zurückspringt. Da sie diesen Zustand natürlich gern ändern will, geht sie der Sache auf den Grund, stirbt dabei noch ein bisschen mehr, trifft skurrile Leute und muss ihre Vergangenheit aufarbeiten. Das klingt so zusammengefasst nicht besonders spannend, aber die Serie ist einfach toll erzählt, die Charaktere sind verschroben-liebenswert und es ist alles sehr New York, sehr komisch und sehr traurig und dabei sehr stylisch. Außerdem merkt man, dass Drehbuch und Regie von drei Frauen stammen. Insgesamt eine tolle Serie, ich kann sie nur empfehlen. Auch wenn man dann erstmal drei Wochen einen Ohrwurm von dem Lied hat, das auf der Party läuft. Hier übrigens noch ein sehr spannender Artikel über die männlichen Charaktere der Serie.

Dann war da die dritte Staffel von True Detecive. Nun ja. Staffel 1 fand ich ja grandios, Staffel 2 hat mir auch ganz gut gefallen, auch wenn der gefühlte Rest des Internets das anders so. Staffel 3 war dann aber irgendwie leider nicht mehr meins, auch wenn die beiden Hauptdarsteller schon sehr gute Schauspieler sind. Ich hatte durchgehend das Gefühl, dass erstens 50 % mehr Themen und Inhalte in den 8 Folgen stecken, als es ihnen gutgetan hat, und dass zweitens versucht werden sollte, wieder mehr so etwas wie die erste Staffel zu machen, damit wieder mehr Leute es gut finden. Das gipfelte dann in Folge 6 oder 7 in einer total plumpen Anspielung auf Staffel 1, die mich nur noch mit den Augen rollen ließ. Aber auch sonst war viel von der ersten Staffel wiederzufinden: Wieder zwei Polizisten, die als Partner unterwegs sind, wieder mehrere Zeitebenen, wieder ein Fall, der nochmal neu aufgerollt wird. Dazu kommen dann noch die schwierige Ehe des Hauptcharakters, seine Erinnerungsprobleme, irgendein Plot um seine Tochter, der angeteasert wird und sich dann in nichts auflöst, die Freundschaft seines Partners mit dem Vater des Mordopfers, ein Erzählstrang um ein Fernsehinterview mit dem Hauptcharakter, der am Ende auch so gar nix zur Gesamthandlung beiträgt, ein wenig am Rande das Thema Rassismus bei der Polizei … kein Wunder, dass der eigentliche Fall irgendwie zur Nebensache verkommt und am Ende in der letzten Folge in einem ungefähr 10-minütigen Monolog eines erst zu diesem Zeitpunkt aufgefundenen Zeugen aufgeklärt werden muss. Dass es nur einen nennenswerten weiblichen Charakter gab, nämlich die Ehefrau der Hauptperson, die dann aber vor allem herhalten musste, um zu zeigen, wie er so drauf ist, hat auch nicht wirklich geholfen. Zumal eine Staffel mit ihrer Geschichte (sie stellt selbst Nachforschungen an und schreiben ein Buch über den Fall) die sehr viel interessantere gewesen wäre. Puh. Also, nee. Das war wirklich keine gute Staffel. Ein paar nette Ideen und Bilder, gute Schauspieler, aber insgesamt wirklich enttäuschend.

Total begeistert hat mich dann wieder The Dragon Prince. Die zweite Staffel ließ ja zum Glück nur ein halbes Jahr auf sich warten. Und ach, wo soll ich anfangen, ich liebe die Serie einfach. Sie ist wunderschön und märchenhaft, trotzdem überraschend, unglaublich divers, hat tolle Musik und sieht einfach wunderschön aus. Ich möchte bitte Staffel 3 bis 80, jetzt. Und den Soundtrack.

Auch nach wie vor richtig cool: The Gifted. Leider in Deutschland bisher eher etwas untergegangen, da es nur bei Sky verfügbar war. Aktuell läuft es glaube ich irgendwo im Free TV. Also Staffel 1 … ach, ein Elend ist das mit den Serien, die nicht auf vernünftigen Streamingdiensten laufen. Jedenfalls: Auch Staffel 2 von The Gifted hat mir richtig gut gefallen. Matt Nix hat einfach ein Händchen für Drama, gutes Pacing und spannende Actionszenen. Und auch der Plot hatte echt so einige überraschende Wendungen zu bieten, außerdem hat die Serie immer tolle Musik-Outros, und gutaussehende Darsteller*innen und Liebesdrama und mal wieder eine absolute bad-ass-Rolle für Amy Acker.  Also wenn ihr Superheldenserien mögt – es lohnt sich reinzuschauen.

Und diesmal auch noch zwei kurze YouTube-Videos:

Eine Gesangslehrerin macht so Reaction Videos zu bestimmten Musikstücken, und zwar in diesem Video zu Ghost Love Score von Nightwish. Lustigerweise habe ich dadurch erst rausgefunden, dass Nightwish inzwischen tatsächlich mit Floor Jansen noch eine andere Sängerin hat, die sehr großartig ist. Und das Lied ist immer noch großartig.

Und dann noch ein kurzes Interview mit der Schauspielerin Selma Blair über ihre MS-Erkrankung. Sehr bewegend – und leider passend zum Artikel über Gendermedizin weiter oben.

Gehört

(Sehr oft Ghost Love Score. Und einmal auch beim Schreiben meine gesamte Nightwish-Sammlung von vorne bis hinten einmal durch.)

Neu in der Podcast-Liste: Voyage to the Stars, ein Impro-Comedy-Podcast in space. Aktuell hör ichs vor allem wegen Felicia Day, aber es ist schon auch sonst ganz cool gemacht.

Ebenfalls neu: A Horror Borealis, ein Actual Play zu Monster of the Week. Bisher auch ganz cool.

Gespielt

Zwei Abende DSA im Februar, immer noch Myranor, immer noch Im Netz der Spinne. Das ist immer noch spaßig und ich bin gespannt, wie das Abenteuer so ausgeht.

In einer über die 3W6-Community organisierten Online-Runde habe ich dann auch noch Swords without Master gespielt. Das ist ein … interessantes System, das ohne Werte auskommt und sich der Darstellung von conan’esker Sword and Sorcery verschrieben hat. Es wird zwar gewürfelt, aber hauptsächlich, um die Stimmung zu bestimmen, in der erzählt wird – mit noch ein paar Ausnahmen dazu, deren Details ich aber schon wieder vergessen habe. Man erstellt jedenfalls Charaktere aufgrund eines Eidolon, was ungefähr ALLES sein kann. Ein Bild, ein Gegenstand, ein Lied, ein Zitat … oder, in meinem Fall, ein Essen. Dann verpasst man diesen Charakteren noch ein paar ebenfalls mit Worten ausgedrückte Eigenschaften und Gegenstände und dann wird in verschiedenen Phasen gespielt und dabei die Geschichte und die Welt weiter ausgebaut sowie verschiedene interessante Aspekte und Mysterien die Story aufgeschrieben. Sobald man davon genug beisammen hat, geht es zum Finale, wo dann möglichst alle Fäden verknüpft werden. (Wenn ihr mehr zum Spiel wissen wollt, empfehle ich euch die schöne Folge des 3W6-Podcasts dazu.)

Für mich fühlt sich Swords without Master irgendwie fast weniger wie ein Spiel an, das man um seiner selbst Willen spielt, sondern ein wenig wie Rollenspiel-Bootcamp. Erschaffe einen Charakter aus irgendeinem Gegenstand! Benenne interessante Gegenstände! Stell gute Frage, um die Welt auszugestalten! Schreibe auf, was an der Geschichte interessant ist und führe die verschiedenen Fäden zusammen! Und dazu noch 50 Liegestütz! Okay, ist etwas übertrieben, und klingt negativer als ich es meine – denn ich finde solche Übungen eigentlich total super und sinnvoll, da man sich beim Spielen ja immer noch verbessern kann. Vielleicht liegt es auch daran, dass ich mit Sword and Sorcery eher wenig am Hut habe, aber tatsächlich fand ich das Spiel vor allem eine gute Übung in verschiedensten Aspekten des Erzählens und Rollenspielens. Es war eine coole Runde und es kam auch eine interessante und gute Geschichte dabei heraus, von daher kann ich es eigentlich nur empfehlen, sich mal eine Session dieses Systems zu geben. Man kann es für wenig Geld hier kaufen.

Und dann habe ich sogar mal wieder geleitet (auch wenn ich das ja immer eher schrecklich finde), nämlich: Kids on Bikes. Thematisch lässt sich das ganz gut mit „das Rollenspiel zu Stranger Things“ zusammenfassen. Okay, eins der Rollenspiele, die in die Richtung gehen, es gibt ja z. B. auch noch Tales from the Loop, das ich aber noch nicht kenne. Jedenfalls hatte ich das wirklich ganz tolle Actual Play des OneShot-Podcasts dazu gehört und wusste dann: Das muss ich haben. Und spielen. So dringend, dass ich das sogar anbiete zu leiten.

Kids on Bikes erschien erst 2018 und das merkt man auf eine sehr positive Weise. Die Zeichnungen im Buch und die Beispiele sind divers, es werden Sicherheitsmechanismen vorgestellt und es finden sich sehr schöne Überlegungen zum Umgang mit dem Spielen von neurodiversen oder körperlich eingeschränkten Charakteren. Dafür also schon mal ein Pluspunkt. Das Spiel ist tatsächlich mal ein neueres Rollenspiel, das nicht das PbtA-System benutzt, sondern ein eigenes Regelsystem hat. Das gefällt mir sehr gut und man könnte es sogar auch für andere Settings adaptieren, wenn man mal ein sehr regelleichtes System sucht. Im Prinzip hat man nur 6 Fertigkeiten und würfelt mit einem Würfel drauf – je besser der Wert, desto höher der verwendete Würfel. Man hat also auf die schlechteste Fertigkeit einen W4 und auf die höchste einen W20 und damit würfelt man dann gegen eine Schwierigkeitsstufe an und je weiter man drüber oder drunter ist, desto besser oder schlechter ist das Ergebnis. Außerdem hat man so genannte Adversity Tokens (also in etwa: Unglückspunkte), die man erhält, wenn man eine Probe nicht schafft. Mit denen kann man seinen Wurf verbessern oder seine Stärken ausspielen, von denen jeder SC zwei hat. Beispielsweise kann man mit „gut vorbereitet“ für einen Punkt einen passenden Gegenstand im Rucksack haben, oder bekommt mit „trainiert in X“ einen Bonus auf eine Fertigkeit. Und das war auch schon fast alles – Charaktere können sich noch gegenseitig helfen und es gibt ein paar Sonderdinge für den Kampf, aber viel mehr ist da nicht an Regeln. Die Charaktere basieren alle auf einem Klischee und es gibt sie als Kinder, Teenager und Erwachsene. Wie es die meisten aktuellen Systeme so tun, werden auch hier die SC mittels einiger Fragen verknüpft. (Cool: Es gibt diese Fragerunden in 3 verschiedenen Intensitäten, von „wir wollen so schnell wie möglich losspielen“ bis zu „wir wollen gründliche ne Kampagne vorbereiten“.) Man sollte dabei, so hat unsere Runde ergeben, ruhig dafür sorgen, dass die SC sich zumindest teilweise schon sehr gut kennen und auch miteinander rumhängen, sonst kann es eine Weile dauern, bis alle miteinander im Spiel sind.

Sehr interessant ist auch der Umgang mit Personen mit übersinnlichen Fähigkeiten. Die gibt es nämlich nicht als Spielercharaktere, sondern nur als NSC – und sie werden von der Gruppe gemeinsam gespielt. Tatsächlich habe ich das nicht so weit getrieben, wie das System es vorschlägt, das möchte nämlich, dass jede*r Mitspielende ein Charaktermerkmal des NSC ausdenkt und diese*n dann spielt, sobald dieses Merkmal im Mittelpunkt steht. Und das war mir irgendwie zu … seltsam, auch wenn ich das vielleicht nochmal irgendwann ausprobieren würde. In jedem Fall bestimmen die Spielenden aber, was für eine Art von Kräften der NSC besitzt und wann er diese einsetzt. Dazu gibt es auch Punkte, über die alle gemeinsam verfügen und die man ausgeben muss, wenn der NSC was Übernatürliches tun soll. Das finde ich einen sehr coolen Mechanismus, denn damit wird die übernatürlich begabte Person nie jemand, die den anderen die Show stiehlt, sondern kann einfach so eingesetzt werden, wie es alle am besten finden.

Ähnlich wie bei PbtA ist Kids on Bikes auch eher so angelegt, dass man spielt um herauszufinden, was passiert. Es gibt zwar auch einen Zusatzband mit Szenarien sowie einen kostenlosen Schnellstarter mit einer ausgearbeiteten Stadt, aber grundsätzlich ist vorgesehen, dass man die Zeit, in der man spielt (es müssen nicht die Achtziger sein) sowie die Kleinstadt, in der die Charaktere wohnen, gemeinsam erstellt. Dazu gibt es eine Reihe von Fragen, es empfiehlt sich auch durchaus, eine kleine Karte zu zeichnen. Dann steuert noch jede*r Mitspielende ein Gerücht bei, das es in der Stadt gibt. Und aus diesen Informationen baut man dann quasi das Abenteuer. Dabei ist aber auch durchaus vorgesehen und erwünscht, dass viel Input von den Spielenden kommt.

Die Runde war dann auch ganz cool – wir hatten lustige Locations und wilde Gerüchte, ich konnte sogar fast alle davon einbauen und es gab sogar ein recht klassisches Finale mit Endkampf um das seltsame Alienartefakt und so.

Ich würde das ja auch gerne mal spielen und nicht nur leiten, vielleicht ergibt sich noch mal eine Runde. Ich find Kids on Bikes jedenfalls ein wirklich cooles Gesamtpaket und ein wirklich gutes Beispiel für ein modernes, erzähllastiges Rollenspiel. Wer mal reingucken will, findet die Promo-Regeln inkl. spielfertigen Charakteren und einem ausgearbeiteten Setting mit Plothooks hier unter „Ashcan Rules“.

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Rezension: Roma Nova

Disclaimer 1: Ich habe ein Rezensionsexemplar erhalten. Ob das hier damit jetzt unter Werbung fällt, muss vermutlich jeder selbst entscheiden. Fühlt euch hiermit darauf hingewiesen.

Disclaimer 2: Ich kenne die Autorin. Wir ham da so nen Podcast zusammen. Ich würde trotzdem sagen, wenn ich das Buch doof fände. Ja ja, das müsst ihr mir jetzt einfach glauben.

Was wäre, wenn Rom keine Stadt, sondern ein Planet wäre, Gladiatorenkämpfe ein Hightech-Spektakel und der Spartacus-Aufstand eine Science Fiction-Geschichte? Das ist so ungefähr die Grundprämisse von Judith Vogts Roman Roma Nova, der auch keine ganz gewöhnliche Entstehungsgeschichte hat. Das Buch war eine Auftragsarbeit für einen Filmproduzenten, schaffte dann doch noch den Weg in den Buchhandel und wer weiß, vielleicht wird es ja irgendwann wirklich noch verfilmt. Auf jeden Fall gibt es sensationell coole Konzeptzeichnungen, die man sich hier angucken kann. Dort steht auch noch mehr dazu, wie es überhaupt zum Buch kam.

Das Setting von Roma Nova geht also nicht von der Prämisse aus, dass Rom nie aufgehört hat zu existieren und irgendwann den Weltraum erobert hat, sondern versetzt das römische Imperium einfach in ein SciFi-Setting. Rom ist zwar eine Stadt, nimmt aber den ganzen Planeten ein. Der Rubicon ist kein Fluss, sondern ein Asteroidengürtel, die römischen Kolonien sind andere Planeten und der gefürchtete Hades ist ein mysteriöses, von einem Schwarzen Loch dominiertes Weltraumphänomen. Es gibt alles, was man aus dem alten Rom so kennt, aber halt in einer SciFi-Variation: Prätorianer mit Energiefeldern als Schilden, Raumschiffe mit Rammspornen und Arenakämpfe, die an eine Mischung aus Castingshow und Hunger Games erinnern. Die Patrizier Roms nehmen ihre Tabula zur Hand – dahinter verbirgt sich dann aber eine Art Tablet/Smartphone mit Internet, Chatprogrammen und Fernsehsendern. Aber trotz dieser HighTech-Gesellschaft ist die Gesellschaft Roms so, wie man sie aus der Antike kennt. Reiche Patrizierfamilien streiten um Ansehen und politische Macht, es gibt – logischerweise, beim Thema Spartacusaufstand – Sklavenhaltung, Frauen gehören ihrem Vater, bis sie an ihren Ehemann übergeben werden und haben insgesamt wenig zu melden. Die Intrigen der Oberschicht vermischen sich hin und wieder mit den Machenschaften von Unterweltkartellen – und dazwischen wollen die meisten einfachen Bürger Roms einfach nur überleben. Und vielleicht das neue Spartacus-Parfüm zum Namenstag.

In dieses Antike-meets-SciFi-Setting mischt sich dann auch noch ein Schuss Fantastik und Übernatürliches, was vielleicht erstmal seltsam klingt, für mich aber sehr gut funktioniert hat. Immerhin war die römische Antike vom Glauben an diverse Götter, Heilige und Heroen bestimmt, und von da ist es nur ein kurzer gedanklicher Schritt zu Seherinnen mit prophetischen Fähigkeiten, mechanischen Herzen, die ihren eigenen Willen haben, und gruseligen kleinen Mädchen, hinter denen sich etwas ganz anderes verbirgt. Gerade der Mix aus Raumschiffen, Energieschilden und Hightech auf der einen und der römisch-antiken Glaubenswelt auf der anderen Seite hat dafür gesorgt, dass das Setting mich extrem begeistert hat. Ich glaube, ich habe alle 50 Seiten „ich will da ein Rollenspiel zu…“ vor mich hingemurmelt. Allein die verschiedenen Verbrecherkartelle in Rom! Die Cyprioten, die quasi Technomancer sind! Die verschiedenen Planeten mit ihren Eigenheiten! Rom als planetenumspanende Cyberpunkstadt! Der Hades! Ich habe da dringenden Bedarf an einem weiteren Roman oder einer Kurzgeschichtensammlung oder einem Rollenspielsettingband. Oder allem davon! Noch ist in die Richtung nichts angekündigt, aber ich darf ja hoffen.

Aber erstmal zurück zum Roman: Im Mittelpunkt stehen die Gladiatoren der großen Arena Roms, die Patrizierfamilie der Mariner und Morisa, eine versklavte Seherin aus dem Volk der Thraker. Diese will sich an Familienoberhaupt Lucius Marinus nicht nur rächen, weil er sie seit Jahren als Sklavin hält und missbraucht, sondern auch, weil er ihren Ehemann Drennis ebenfalls versklavt und als Gladiator in die Arena befördert hat – wo er unter dem Namen Spartacus Ruhm und Ansehen der Mariner-Familie mehren soll. Da kommt es nur gelegen, dass Lucius mit seinem Party-Raumschiff gerade so weit draußen in der Galaxis kreist, dass ein Schiff des Hades die Prätorianer und Gäste mal so richtig aufmischen kann. Morisa nutzt also die Gelegenheit, nicht nur ihre Freiheit zu erlangen, sondern auch noch Einfluss auf einige wichtige Personen auszüben, die Spartacus auf Umwegen in die Freiheit verhelfen sollen. Der bekommt währenddessen gerade ein künstliches Herz eingepflanzt, um zum Star der Arena aufzusteigen. Und wenn das jetzt schon nach viel Action klingt: Das ist gerade einmal der Auftakt des Romans und damit geht es erst richtig los.

Auf den etwa 600 Seiten entwickelt Roma Nova dann eine Geschichte, die mich beim Lesen sehr mitgerissen hat: Das Leben der Gladiatoren in ihrem Zwiespalt aus Freundschaft und Konkurrenz, die spektakulären Kämpfe, die politischen Intrigen der Patrizier, die Mythen der künstlichen Herzen und des Hades, die ungewöhnliche Liebesgeschichte … es ist eine vielschichtige und actionreiche Handlung mit spannenden Protagonisten. Spannend sollte hier nicht mit sympathisch verwechselt werden, denn viele der Charaktere sind nicht unbedingt so drauf, dass ich gerne einen Tee mit ihnen trinken würde. Aber genau das macht für mich Roma Nova auch so glaubwürdig – die Protagonisten sind in ihrem Handeln, Glauben und Denken eben verstrickt in die Zwänge und Moralvorstellungen der römischen Gesellschaft und erliegen ihren eigenen Schwächen ebenso wie den unsichtbaren Fäden der Marionettenspieler im Hintergrund. Trotzdem macht es Spaß, mit ihnen mitzufiebern. Die meisten der Charaktere fand ich auch wirklich sehr cool, gerade bei den Gladiatoren gab es einige schräge Gestalten, aber auch die Patriziertochter Constantia, die unfreiwillig aus ihrem Leben ausbricht und das dann doch ganz gut findet, hat mir gut gefallen. Einzig der Handlungsstrang um Marius Marinus, den jüngsten Sohn der Familie, hat mich nicht ganz so sehr begeistert. Lange war mir nicht klar, auf was er sich denn da eingelassen hat, und letztendlich waren die Auswirkungen auf die gesamte Geschichte auch eher gering. Zwar bringt dieser Aspekt der Story noch mehr von den coolen Unterwelt-Dingen Roms ins Spiel, aber der Fokus des Romans liegt halt doch ganz klar woanders, sodass einfach zu wenig Platz war, seine Pläne und Geschäftspartner so richtig gut rüberzubringen. Auch das Ende seines Handlungsstrangs versandet dann eher – schreit natürlich nach einer Fortsetzung, aber darauf ist das Buch ja eigentlich gar nicht angelegt. Auch einige andere Nebenfiguren kriegen keinen so richtig runden Abschluss, da hätte für mich gerne noch ein paar Szenen mehr drin sein dürfen, die auch den eher unwichtigen Figuren noch einen Ausklang gönnen. Aber das tut dem Lesevergnügen insgesamt keinen Abbruch, denn gerade die Geschichte um Morisa, Drennis, Ianos und Constantia fand ich bis zum Ende hin großartig.

Was Roma Nova für mich besonders stark macht, ist, wie politisch aktuell es sich anfühlt. SciFi hin und Gladiatoren her, viele Themen des Romans gehen über den eigentlichen Plot hinaus und ließen mich beim Lesen unwillkürlich immer wieder über aktuelle Politik und die darüber geführten Diskussionen nachdenken. Natürlich ist das Rom, das im Buch entworfen wird, in vielen Punkten anders als unsere heutige Gesellschaft. Aber viele der Konflikte und gesellschaftlichen Konstrukte gehen dann eben doch auf Einstellungen und Ansichten zurück, die auch heute immer noch verbreitet sind. Klar, heute gehört eine Frau nicht mehr ihrem Vater, bis er sie ihrem Ehemann übergibt – aber den unsäglichen Brauch, bei den Eltern der Braut um Erlaubnis für die Hochzeit zu fragen, gibt es eben doch immer noch. Klar, es kämpfen hier keine Gladiatoren live vor der Kamera um ihr Leben – aber ist es so viel anders, sich anzugucken, wie die Leute im Dschungelcamp Würmer fressen müssen oder sich darüber das Maul zu zerreißen, dass Schauspielerin X auf unvorteilhaften Paparazzi-Fotos ganz klar Cellulite hat?

Die in Roma Nova entworfene Gesellschaft ist nicht besonders nett. Da baut ein Konsul eben Scheiße und sorgt für den Tod unschuldiger Bürger – nicht so schön für ihn, aber natürlich verliert er maximal seinen Posten und wird ins Innenministerium befördert muss auf ein anderes Amt umziehen, oder sein Ruf ist ein bisschen in Gefahr, oder er muss mal ein paar mildtätige Gaben an die Armen spendieren und sich dabei filmen lassen. Trotzdem geht es ihm weiter gut, er hat nichts zu verlieren – die Mächtigen kreisen in ihrer eigenen Sphäre und sind unantastbar. Ebenso krass ist der Unterschied zwischen Sklaven und Bürgern Roms – während es für die Bürger Roms kein Problem ist, dass Sklaven sich zur Unterhaltung gegenseitig abschlachten, dass sie verkauft, missbraucht und vergewaltigt werden, haben die römischen Bürger ihre Rechte und auch die politische Oberschicht weiß, dass ein Bürgerkrieg droht, wenn die Prätorianer nicht nur Sklaven, sondern auch Römer töten, egal, wie niedriggestellt diese auch sein mögen. Diese Unterscheidung in zwei distinktive Gruppen, von denen die eine Menschenrechte hat und die andere eben nicht, ermöglicht erst die Grausamkeiten, die auch in unserer Zeit noch immer vorherrschen. Erst, wenn man vor sich selbst und seiner Peer Group gerechtfertigt hat, dass illegale Einwanderer eben keine Menschenrechte haben, kann man Kleinkinder in Käfige sperren und das als Lösung eines Problems ansehen.

Unter der Oberfläche der spannenden Geschichte brodeln da einfach unglaublich viele spannende Fragen und aufgezeigte Probleme. Kann man als privilegiertes Mitglied einer Gesellschaft etwas gegen deren Grundsätze tun? Sollte man es, auch wenn es das eigene Leben schlechter machen wird? Kann es zwischen Sklaven und ihren Besitzern je zu einer aufrechten Freundschaft kommen? Wieso stehen nicht alle Sklaven auf und wenden sich gegen ihre Besitzer, wo sie doch die Macht dazu hätten? Auch der ganze Komplex von Männlichkeit und Sexualität ist meiner Meinung nach gelungen abgedeckt, zumal mir nicht sehr viele andere Bücher einfallen, in denen Männer sich über ihre Kampffähigkeiten hinaus auch noch als irgendwie begehrenswert für irgendeine Zielgruppe vermarkten müssen, um Erfolg zu haben. Und auch so Dinge wie „natürlich schadet es dem Ruf eines Gladiators nicht, mit einem anderen Mann zu vögeln und sich dabei filmen zu lassen und das Video zu verbreiten – aber puuuuuh, er hat sich in die passive Rolle beim Sex begeben und das ist so weibisch und schadet seinem Ruf“ – eine absolut ins Setting passende Szene, die aber trotzdem Fragen zum Thema (toxische) Maskulinität aufwirft und deshalb auch über die eigentliche Story hinaus relevant ist. In eine ähnliche Richtung geht der Konflikt von Lucius Marinus und Spartacus, die sich vermutlich ähnlicher sind, als sie selber zugeben würden und die zeigen, dass ein gewaltsamer Konflikt im Grunde genommen immer gleich endet – egal, wie viele Sklaven, Soldaten und Unschuldige mit hineingezogen werden.

Insgesamt hat mich dieser Aspekt des Romans sehr beeindruckt. Er zeigt einmal mehr, wie gut und wichtig es ist, politische und gesellschaftliche Themen auch in der Science Fiction und Fantasy aufzuwerfen (zumal es keine nicht politische Unterhaltungsliteratur gibt, wozu ich demnächst nochmal einen Artikel verlinken werde). Dass das Ende des Romans dementsprechend auch eher realistisch ausfällt und zwar so mancher Charakter zu einem Happy End findet, aber sich nichts Grundsätzliches ändert, ist dann umso passender und war bei der historischen Vorlage natürlich auch irgendwo zu erwarten.

Ceterum censeo: Roma Nova ist ein spannender Roman mit einem saucoolen Setting – unterhaltsam und gleichzeitig mehr als nur eine aufregende Geschichte, da die beschriebene Gesellschaft des römischen Weltraumreiches in vielen Punkten zum Nachdenken anregt. Große Empfehlung.

(Und jetzt bitte Teil 2, lieber Bastei-Lübbe-Verlag, in dem Gaia Sabina endlich Twitter erfindet.)

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