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Mediengedöhns im März 2019

Der März ist um, Medien wurden konsumiert, hier kommt das Mediengedöhns:

Gelesen

Endlich habe ich Americanah von Chimamanda Ngozi Adichie zu Ende gelesen. Und boah, was für ein Buch. Also nicht nur eine tolle Geschichte und wunderbar geschrieben, sondern ich habe auch richtig viel gelernt dabei, denn, Überraschung, als Weiße Mitteleuropäerin hat man schlicht mal gar keine Ahnung von der Lebensrealität einer in Amerika arbeitenden Nigerianerin. Und von der kriegt man eine ganze Menge mit. Und über Nigeria auch. Und über die verschiedensten Formen von Rassismus, der in den USA noch immer alltäglich ist. Ich kann den Roman nur wärmstens empfehlen und möchte jetzt dringend noch mehr von Adichie lesen.

Und es gab natürlich auch wieder diverse interessante Artikel in den Weiten des Internets.

Den Gender Pay Gap kennt ihr hoffentlich schon, war ja im März auch gerade wieder Thema. Weniger bekannt, aber ebenso wichtig: Der Gender Data Gap. Dazu erschien ein sehr guter Artikel im Guardian, und man möchte mal wieder fassungslos den Kopf schütteln über die Tatsache, dass 50 % der Weltbevölkerung offensichtlich immer noch die seltsame Ausnahme darstellen, auf die man keine Rücksicht nehmen muss, wenn man Autos, Smarthpones oder Sicherheitskleidung herstellt.

Der Feder & Schwert-Verlag hat ein neues Programm namens Wicked Queens, in dem feministische SFF erscheinen wird. Sehr cool, Daumen hoch – und mehr dazu in diesem Interview mit Kathrin Dodenhoeft bei Tor-Online.

Im März war ja auch Fasching – glücklicherweise in Hamburg ja eher nicht so ein Thema – und es ging auch mal wieder darum, ob es okay ist, wenn Kinder sich als „Indianer“ oder „Chinesen“ verkleiden. Spoiler: Nein, das ist rassistische Kackscheiße, und wenn jetzt noch einer fragt, wen in Deutschland ein „Indianer“-Kostüm denn überhaupt stört: Diesen Menschen hier zum Beispiel.

Fantastischer Artikel über „Konserative“, die den Begriff ad absurdum führen.

Ein schöner Beitrag zum Thema Feminismus und wieso er auch für Männer gut ist.

Drüben bei den Apalkawolken geht es um queere Repräsentation und die Frage, warum diese immer sofort mit Sex gleichgesetzt wird.

Das unfassbare Interview mit Axel Voss zum Thema Uploadfilter habt ihr ja sicher schon alle gelesen, aber nur zur Sicherheit nochmal der Link. He does not know how to internet. (Und nun haben wir den Salat.)

Verfahren über häusliche Gewalt in der Praxis. Deckt sich mit meinen Erfahrungen.

Und zum Schluss noch: Die Politik ist bürgerverdrossen. Besser kann man es wohl nicht zusammenfassen.

Geschaut

Am Eröffnungstag zu Captain Marvel im Kino gewesen – also aus Interesse am Film, aber auch, weil ich am Tag danach auf die HeinzCon gefahren bin und daher am Wochenende sonst keine Zeit mehr war. Und sehen wollte ich den Film ja dringend und möglichst ohne Spoiler gelesen zu haben. Also, Captain Marvel, nach nur 20 Filmen des MCU dann doch mal einer mit einer weiblichen Superheldin als Hauptfigur, und natürlich war der Aufruhr der Internet-DudeBros so groß, dass Rotten Tomatoes erstmalig die Option, einen Film vor Veröffentlichung zu bewerten, gesperrt hat. (Ich frage mich da: Warum gab es die je, also für Zuschauer, die Kritiker sehen die Filme ja teilweise früher, aber … warum gab es je die Möglichkeit, Filme nach dem Trailer und ein paar Infos bewerten zu können? Sehr seltsam.) Aber das nur am Rande. Der Film selber hat mir sehr gut gefallen – sehr MCU-typisch beschwingt und lustig, Carol Danvers ist eine großartige Protagonistin, es gab eine niedliche Katze, tolle Musik, sehr viele 90er-Jahre-Musik und Nick Fury als Sidekick war auch super. (Aber viel zu wenig Coulson!!!) Ich prophezeie ja nach der 80er-Nostalgiewelle jetzt das selbe mit den Neunzigern. In den Trailern war schon ein anderer Film zu sehen, der da auch voll drauf abzielt (Name leider vergessen. Irgendwas mit Skateboards.). Der Film hatte sogar einen Plottwist, den ich nicht habe kommen sehen, fand ich auch gut. Und insgesamt fand ich den einfach sehr toll, lustig, empowering und cool. Bin schon sehr erfreut darauf, Captain Marvel bald wieder in Endgame zu sehen.

Auf Netflix geschaut: Die neueste Staffel Grace and Frankie, ich musste jetzt direkt mal nachschauen: Es ist schon die 5. Staffel. Und eine weitere ist schon bestellt. Ganz schön beachtlich, wenn man bedenkt, dass alle 4 Hauptdarsteller*innen schon über 80 sind. Ich mag die Serie nach wie vor unglaublich gerne, man sieht so selten überhaupt mal ältere Personen in den Medien, die nicht irgendwie als lustiger Sidekick oder bemitleidenswertes hutzeliges Mütterchen dargestellt sind. Und die komplizierte Freundschaft der beiden alten Damen ist auch einfach großartig. Außerdem find ich auch die Plots um die Kinder immer super, vor allem Brianna ist einfach so toll und immer wieder umwerfend komisch. Insgesamt wirklich immer noch eine tolle Serie. Außerdem möchte ich sehr gerne in diesem Beachhaus wohnen, oder noch besser, in dem unglaublich schicken Haus von Saul und Robert. Alternativ nehm ich auch einfach nur diese unglaubliche Eingangstür.

Ebenfalls geschaut: Staffel 2 von Black Lightning. Eher so nebenbei zum Essen und nicht total gebannt. Die Serie ist schon cool und ich mag Familie Pierce ja schon sehr, aber der Plot schlägt manchmal doch ein paar seltsame Kapriolen, der Antagonist ist so übertrieben BÖÖSÄÄH, dass es mich teilweise echt genervt hat. Und das Pacing ist manchmal auch etwas schräg und naja, die Kostüme sind schon sehr comicartig, ich mag da ja die etwas solidere Herangehensweise des MCU lieber. Aber trotzdem kann man Black Lightning schon ganz gut gucken, diesmal waren es auch mehr so mehrere kleine Handlungsbögen innerhalb der Staffel. Mein Highlight sind auch einfach immer Anessa und Jennifer und deren tolle Schwestern-Beziehung, bzw. generell so diese ganze Familiendynamik, die man ja im Superheldengenre eher selten hat.

Speaking of Familien und Superhelden: Dann war da ja noch The Umbrella Academy, eine recht neue Netflix-Adaption der gleichnamigen Comics. Der Trailer sah irgendwie einfach nur seltsam und abgedreht aus und ich hatte auch gar nicht so Lust auf die Serie, aber dann haben wir doch reingeschaut und sie auch doch recht fix durchgesuchtet. The Umbrella Academy dreht sich um eine sehr dysfunktionale Familie, die aus sieben Geschwistern besteht, die von einem reichen Exzentriker adoptiert und zu Superhelden ausgebildet wurden, mal mehr und mal weniger erfolgreich. Im Alter von ca. 30 (würde ich schätzen) sind die Geschwister alle zerstritten, haben ihre eigenen Probleme, haben gar keine Kräfte oder sind verschwunden bzw. einfach schon tot. Dann stirbt der Vater (das ist die 1. Szene der Serie) und alle müssen sich wieder zu Hause einfinden und damit umgehen. Und dann passiert natürlich ganz viel und sie müssen sich mit zeitreisenden Attentätern, internen Streitigkeiten, einer Androidin mit Fehlfunktionen und dem Ende der Welt herumschlagen. Die Serie ist ziemlich schräg, teilweise recht splatterig, hat unfassbar viele zu cooler Musik inszenierte Kampfszenen und Montagen und hat mir insgesamt recht gut gefallen. Leider sind halt von den 7 Geschwistern 5 Männer, und die beiden weiblichen Charaktere sind auch etwas klischeehaft geraten. Dafür fand ich aber die männlichen Charaktere teilweise sehr erfrischend anders, und ein paar ausgefallenere weibliche Figuren (Cha-Cha z. B.) gab es dann schon doch noch. Außerdem musste ich ja nach der Staffel mal nachlesen, wie das eigentlich im Comic ist und oh boy, da hat die Serie ehrlich gesagt schon noch einiges an Diversifizierung geleistet. Im Comic sind nämlich die aus der ganzen Welt zusammenadoptierten Kinder einfach mal alle Weiß *augenroll*, und der Umgang mit den weiblichen Charakteren ist da mal richtig beschissen. Während es in der Serie so ein paar eher uncoole Gaslighting-Dinge und klischeehafte Tropes gibt, aber insgesamt ging das für mich noch klar. Auch wenn ich wirklich immer denke: „Boah, genderswapped doch einfach mal nen Charakter wie Luther, wie spannend wär das bitte!“. Im Gegensatz zu gefühlt meiner ganzen Twitter-Timeline fand ich das Ende auch nicht cliffhangerig, sondern eigentlich nen schönen runden Abschluss. Eine zweite Staffel würde ich mir aber auch gerne ansehen.

Gehört

Zwei neue Podcasts auf der Liste:

Nämlich einmal Rice and Shine, ein vietdeutscher Podcast über das Leben als Kind vietnamesischer Einwanderer. Sehr cool, bisher sehr interessant und sympathisch. Bonuspunkte für das tolle Titel-Wortspiel. Und wenn Podcasts nicht so euer Ding sind – ein tolles Interview mit Vanessa und Mhin Thu gibt es auch zum Lesen.

Und dann noch: Darf sie das? Der Podcast von Nicole Schöndorfer erscheint einmal die Woche und hat immer ein kurzes, knackiges Thema aus dem Bereich Feminismus, sowie eine Analsyse der bescheuertsten Kommentare zur Folge der Vorwoche. Inhaltlich super, Bonuspunkte für Wiener Dialekt, der geht bei mir ja immer.

Gespielt

Im März war HeinzCon, da habe ich dieses Jahr einiges an neuen Spielen ausprobieren können. Aber auch sonst haben wir immerhin dreimal Samstags DSA gespielt und unseren aktuellen Abschnitt der Lamea-Kampagne beendet. Unser SL hat aus den verschiedenen Episoden in der Narkramar noch ein sehr tolles und episches Finale ersonnen, das (nach dem für mich etwas enttäuschenden Finale von Im Netz der Spinne) noch ein richtig toller und berührender Abschluss war. Danach haben wir noch einen Abend Nachklapp und Epilog gespielt und jetzt geht es zurück in aventurische Gefilde. Vermutlich steht als nächstes ein kurzes Abenteuer aus dem Director’s Cut der Quanionsqueste an und danach die Thorwalergruppe, die mal wieder in den Norden zieht.

Auch unsere City of Mist-Runde fand ohne Ausfälle statt. Nach einem Jahr hatten wir dann endlich mal unseren ersten Themebook-Wechsel, das war dann schon sehr cool, zumal es ungeplant durch einen Stop Holding Back-Move passierte. Ansonsten sind wir immer noch beim zweiten Fall, ich bin schon gespannt, wie lange der sich noch so hinziehen wird und wie er am Ende ausgeht.

In Hinsicht auf neue Spiele begann der März mit Lovecraftesque. Hat mich leider wirklich gar nicht überzeugt. Dass man quasi storymäßig unabgesprochen agiert und gegeneinander anspielt, um die eigene Idee durchzudrücken, gefällt mir ebensowenig wie die für mich sinnlos scharfe Trennung zwischen Quasi-Spielleiten und Charakter spielen – dass man sich den auch noch zu viert teilt, macht die Sache nicht besser. Nee, muss ich nicht nochmal haben.

Auf der HeinzCon ging es am Freitag los mit Bikers in Space (Arbeitstitel), einem FATE-meets-PbtA-System von den Vögten und Harald vom 3W6-Podcast. Man spielt quasi eine Motorradgang, nur dass sie nicht auf Motorrädern, sondern auf Raumjägern unterwegs sind und versuchen, möglichst viele andere Gangs plattzumachen – und das Ganze auf Social Media zu vermarkten. Wir hatten eine sehr große, sehr lustige Runde und viel Spaß mit übertrieben toxischem Verhalten, Eskapaden in der Dampfsauna und Liebesdrama. Achja, und Raumjägerkampf, aber, wenig überraschend fand ich den natürlich viel weniger spannend als die anderen Aspekte …

Dann habe ich Samstag im Ferienhaus eine Runde Itras By geleitet. Das hatte ich in der deutschen Übersetzung im Crowdfunding gebackt und es war kurz vor der Con angekommen. Und da es quasi gar keine Regeln hat und ich das Setting so toll finde, habe ich es direkt angeboten. Wir hatten dann eine kurze, aber dennoch denkwürdige Runde rund um eine Zaubershow, die Suche nach einer besonderen Pflanze und auffällig viele Kaninchen. Das System hat mich echt überzeugt, das Spielen mit den Entscheidungs- und Zufallskarten funktioniert super und es ist als regelleichtes Erzählsystem, in dem man vor allem gemeinsam eine surreale Geschichte erzählen will, wirklich gut geeignet. Muss ich dringend nochmal spielen.

Dann hat Judith abends für uns The Watch geleitet. Das ist ein PbtA, in dem man eine Gruppe von Kämpfer*innen im Kampf gegen den Schatten spielt, der ihre Heimat befallen hat und der zurückgedrängt werden soll. Wobei der Schatten quasi eine Allegorie auf toxische Männlichkeit ist, weshalb man auch nur Nicht-Männer spielt. Das Konzept und die Playbooks waren super, die konkrete Umsetzung fand ich, gerade für einen OneShot, echt gewöhnungsbedürftig. Man würfelt quasi erst aus, wie die gesamte Mission gelaufen ist und spielt dann einzelne Szenen davon in so Schlaglichtern aus. Das finde ich furchtbar unintuitiv und irgendwie muss man sich da glaube ich erst dran gewöhnen. Eigentlich ist es auch auf Kampagnenspiel ausgelegt, was es vielleicht etwas besser macht, aber … so richtig sehe ich den Sinn dahinter nicht. Es war zwar trotzdem eine coole Session und einige Aspekte des Systems (dass man z. B. besser wird, wenn man sich so voll ins Kriegstrauma reinwirft, dann aber auch sehr schnell mit dem Charakter am Ende ist) haben mir gut gefallen. Hm. Ich bin schon sehr gespannt auf die OneShot-Folgen dazu, die gerade erscheinen und würde das gerne nochmal versuchen, da es ja doch auch sehr coole und positive Aspekte hatte. Aber es ist ein bisschen mühsam reinzukommen und ich verstehe nicht so richtig den Sinn hinter der Herangehensweise.

Am Sonntag hat es dann noch für 2 Nanogames gereicht: Sprachlos von Christian, ein Spiel, in dem man sich spielerisch mit Diskussionskultur und Sprachbarrieren befasst (sehr cool!) und Vor der Schlacht, mein Nano-Game aus Roll Inclusive. Wir hatten eine grandiose Runde mit einem Haufen Dungeon-Monstern, die gegen eine generische Helden-(LARP-)Gruppe kämpften und der theaterspielende zweiköpfige Oger, der Gallertwürfel mit Dunkelangst und die technikaffine Mumie werden mir wohl noch lange im Gedächtnis bleiben. Es war sehr cool, mein Spiel so in Action zu sehen und ich bin sehr froh, dass auch diesmal, wie auch schon im Playtest, eine echt coole Story dabei raus kam.

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Mediengedöhns im Februar 2019

Der Februar ist um, Medien wurden konsumiert, you know the drill.

Gelesen

Leider kann ich noch nicht ganz abschließend über Americanah von Chimamanda Ngozi Adichie schreiben, weil mir noch ungefähr 90 Seiten fehlen. Ich lese schon den ganzen Februar dran, das Buch hat 460 Seiten in so ungefähr Schriftgröße 9. Allerdings kann ich schon mal grob sagen: Bitte kaufen. Bitte lesen. Was für ein großartiges, augenöffnendes und wunderbar geschriebenes Buch.

Hier nun wieder eine bunte Auswahl an Artikeln:

Die Zeit schreibt über Gendermedizin. Das Thema macht mich echt sowas von wütend. Aber besser keinen Herzinfarkt kriegen vor Wut, sonst werde ich vermutlich mit ein paar Beruhigungsmitteln wieder nach Hause geschickt.

In der Süddeutschen gibt es einen Artikel über obdachlose Familien. Man bekommt keine bessere Laune durchs Lesen.

Und wenn man dann noch nicht deprimiert genug ist, kann man sich noch durchlesen, wie es den Leuten ergeht, die für Facebook gemeldete Inhalte durchsehen müssen. (englisch)

„Wenn der Mainstream fortschrittlicher ist als die, die besonders laut vorgeben, ihn zu bekämpfen, dann leben wir wirklich in besonderen Zeiten.“ Großartiger Artikel.

Schnell mal lieber was nettes und nerdiges:

Ein englischer Artikel über die Rolle der Zuschauer*innen bei Star Wars. Sehr spannend.

Und ein schöner Rollenspielartikel bei Donnerhaus über das Thema, wie man NSC lebendig wirken lässt.

Bei Bento gibt es einen großartigen Artikel über die Bullshitigkeit von Afrikareisen mit vorgefertigtem Ergebnis.

Ein wunderbarer Comic über Tone Policing. Und wenn ihr nicht wisst, was das ist: Im Artikel wird es erklärt.

Und zum Schluss noch zwei tolle Dinge auf Tor-Online:

Judith schreibt eine Reihe über Science Fiction von Frauen. Den Anfang macht ihre Vorstellung von N. K. Jemisin (deren Buch als nächstes auf meinem Stapel liegt).

Und hier ein tolles Interview mit Kathrin Dodenhoeft vom Feder und Schwert-Verlag über die großartige Idee, eine neue Reihe an Büchern mit feministischer SFF herauszubringen, die unter Wicked Queen laufen wird. Ich freu mich drauf!

Gesehen

Eher ungeplant angefangen, Russian Doll zu gucken. Eigentlich nur weil da Natasha Lyonne mitspielt, die ich bei Orange is the New Black schon großartig finde. Dann aber sehr schnell fasziniert gewesen von der Serie und die 8 Folgen in 2 Tagen weggeschaut. Russian Doll ist so eine Art Groundhog Day-Geschichte – die Hauptfigur Nadia erlebt ihren Geburtstag immer und immer wieder, weil sie nämlich dummerweise an diesem Abend oder am nächsten Tag stirbt und dann immer wieder zum selben Moment der Party zurückspringt. Da sie diesen Zustand natürlich gern ändern will, geht sie der Sache auf den Grund, stirbt dabei noch ein bisschen mehr, trifft skurrile Leute und muss ihre Vergangenheit aufarbeiten. Das klingt so zusammengefasst nicht besonders spannend, aber die Serie ist einfach toll erzählt, die Charaktere sind verschroben-liebenswert und es ist alles sehr New York, sehr komisch und sehr traurig und dabei sehr stylisch. Außerdem merkt man, dass Drehbuch und Regie von drei Frauen stammen. Insgesamt eine tolle Serie, ich kann sie nur empfehlen. Auch wenn man dann erstmal drei Wochen einen Ohrwurm von dem Lied hat, das auf der Party läuft. Hier übrigens noch ein sehr spannender Artikel über die männlichen Charaktere der Serie.

Dann war da die dritte Staffel von True Detecive. Nun ja. Staffel 1 fand ich ja grandios, Staffel 2 hat mir auch ganz gut gefallen, auch wenn der gefühlte Rest des Internets das anders so. Staffel 3 war dann aber irgendwie leider nicht mehr meins, auch wenn die beiden Hauptdarsteller schon sehr gute Schauspieler sind. Ich hatte durchgehend das Gefühl, dass erstens 50 % mehr Themen und Inhalte in den 8 Folgen stecken, als es ihnen gutgetan hat, und dass zweitens versucht werden sollte, wieder mehr so etwas wie die erste Staffel zu machen, damit wieder mehr Leute es gut finden. Das gipfelte dann in Folge 6 oder 7 in einer total plumpen Anspielung auf Staffel 1, die mich nur noch mit den Augen rollen ließ. Aber auch sonst war viel von der ersten Staffel wiederzufinden: Wieder zwei Polizisten, die als Partner unterwegs sind, wieder mehrere Zeitebenen, wieder ein Fall, der nochmal neu aufgerollt wird. Dazu kommen dann noch die schwierige Ehe des Hauptcharakters, seine Erinnerungsprobleme, irgendein Plot um seine Tochter, der angeteasert wird und sich dann in nichts auflöst, die Freundschaft seines Partners mit dem Vater des Mordopfers, ein Erzählstrang um ein Fernsehinterview mit dem Hauptcharakter, der am Ende auch so gar nix zur Gesamthandlung beiträgt, ein wenig am Rande das Thema Rassismus bei der Polizei … kein Wunder, dass der eigentliche Fall irgendwie zur Nebensache verkommt und am Ende in der letzten Folge in einem ungefähr 10-minütigen Monolog eines erst zu diesem Zeitpunkt aufgefundenen Zeugen aufgeklärt werden muss. Dass es nur einen nennenswerten weiblichen Charakter gab, nämlich die Ehefrau der Hauptperson, die dann aber vor allem herhalten musste, um zu zeigen, wie er so drauf ist, hat auch nicht wirklich geholfen. Zumal eine Staffel mit ihrer Geschichte (sie stellt selbst Nachforschungen an und schreiben ein Buch über den Fall) die sehr viel interessantere gewesen wäre. Puh. Also, nee. Das war wirklich keine gute Staffel. Ein paar nette Ideen und Bilder, gute Schauspieler, aber insgesamt wirklich enttäuschend.

Total begeistert hat mich dann wieder The Dragon Prince. Die zweite Staffel ließ ja zum Glück nur ein halbes Jahr auf sich warten. Und ach, wo soll ich anfangen, ich liebe die Serie einfach. Sie ist wunderschön und märchenhaft, trotzdem überraschend, unglaublich divers, hat tolle Musik und sieht einfach wunderschön aus. Ich möchte bitte Staffel 3 bis 80, jetzt. Und den Soundtrack.

Auch nach wie vor richtig cool: The Gifted. Leider in Deutschland bisher eher etwas untergegangen, da es nur bei Sky verfügbar war. Aktuell läuft es glaube ich irgendwo im Free TV. Also Staffel 1 … ach, ein Elend ist das mit den Serien, die nicht auf vernünftigen Streamingdiensten laufen. Jedenfalls: Auch Staffel 2 von The Gifted hat mir richtig gut gefallen. Matt Nix hat einfach ein Händchen für Drama, gutes Pacing und spannende Actionszenen. Und auch der Plot hatte echt so einige überraschende Wendungen zu bieten, außerdem hat die Serie immer tolle Musik-Outros, und gutaussehende Darsteller*innen und Liebesdrama und mal wieder eine absolute bad-ass-Rolle für Amy Acker.  Also wenn ihr Superheldenserien mögt – es lohnt sich reinzuschauen.

Und diesmal auch noch zwei kurze YouTube-Videos:

Eine Gesangslehrerin macht so Reaction Videos zu bestimmten Musikstücken, und zwar in diesem Video zu Ghost Love Score von Nightwish. Lustigerweise habe ich dadurch erst rausgefunden, dass Nightwish inzwischen tatsächlich mit Floor Jansen noch eine andere Sängerin hat, die sehr großartig ist. Und das Lied ist immer noch großartig.

Und dann noch ein kurzes Interview mit der Schauspielerin Selma Blair über ihre MS-Erkrankung. Sehr bewegend – und leider passend zum Artikel über Gendermedizin weiter oben.

Gehört

(Sehr oft Ghost Love Score. Und einmal auch beim Schreiben meine gesamte Nightwish-Sammlung von vorne bis hinten einmal durch.)

Neu in der Podcast-Liste: Voyage to the Stars, ein Impro-Comedy-Podcast in space. Aktuell hör ichs vor allem wegen Felicia Day, aber es ist schon auch sonst ganz cool gemacht.

Ebenfalls neu: A Horror Borealis, ein Actual Play zu Monster of the Week. Bisher auch ganz cool.

Gespielt

Zwei Abende DSA im Februar, immer noch Myranor, immer noch Im Netz der Spinne. Das ist immer noch spaßig und ich bin gespannt, wie das Abenteuer so ausgeht.

In einer über die 3W6-Community organisierten Online-Runde habe ich dann auch noch Swords without Master gespielt. Das ist ein … interessantes System, das ohne Werte auskommt und sich der Darstellung von conan’esker Sword and Sorcery verschrieben hat. Es wird zwar gewürfelt, aber hauptsächlich, um die Stimmung zu bestimmen, in der erzählt wird – mit noch ein paar Ausnahmen dazu, deren Details ich aber schon wieder vergessen habe. Man erstellt jedenfalls Charaktere aufgrund eines Eidolon, was ungefähr ALLES sein kann. Ein Bild, ein Gegenstand, ein Lied, ein Zitat … oder, in meinem Fall, ein Essen. Dann verpasst man diesen Charakteren noch ein paar ebenfalls mit Worten ausgedrückte Eigenschaften und Gegenstände und dann wird in verschiedenen Phasen gespielt und dabei die Geschichte und die Welt weiter ausgebaut sowie verschiedene interessante Aspekte und Mysterien die Story aufgeschrieben. Sobald man davon genug beisammen hat, geht es zum Finale, wo dann möglichst alle Fäden verknüpft werden. (Wenn ihr mehr zum Spiel wissen wollt, empfehle ich euch die schöne Folge des 3W6-Podcasts dazu.)

Für mich fühlt sich Swords without Master irgendwie fast weniger wie ein Spiel an, das man um seiner selbst Willen spielt, sondern ein wenig wie Rollenspiel-Bootcamp. Erschaffe einen Charakter aus irgendeinem Gegenstand! Benenne interessante Gegenstände! Stell gute Frage, um die Welt auszugestalten! Schreibe auf, was an der Geschichte interessant ist und führe die verschiedenen Fäden zusammen! Und dazu noch 50 Liegestütz! Okay, ist etwas übertrieben, und klingt negativer als ich es meine – denn ich finde solche Übungen eigentlich total super und sinnvoll, da man sich beim Spielen ja immer noch verbessern kann. Vielleicht liegt es auch daran, dass ich mit Sword and Sorcery eher wenig am Hut habe, aber tatsächlich fand ich das Spiel vor allem eine gute Übung in verschiedensten Aspekten des Erzählens und Rollenspielens. Es war eine coole Runde und es kam auch eine interessante und gute Geschichte dabei heraus, von daher kann ich es eigentlich nur empfehlen, sich mal eine Session dieses Systems zu geben. Man kann es für wenig Geld hier kaufen.

Und dann habe ich sogar mal wieder geleitet (auch wenn ich das ja immer eher schrecklich finde), nämlich: Kids on Bikes. Thematisch lässt sich das ganz gut mit „das Rollenspiel zu Stranger Things“ zusammenfassen. Okay, eins der Rollenspiele, die in die Richtung gehen, es gibt ja z. B. auch noch Tales from the Loop, das ich aber noch nicht kenne. Jedenfalls hatte ich das wirklich ganz tolle Actual Play des OneShot-Podcasts dazu gehört und wusste dann: Das muss ich haben. Und spielen. So dringend, dass ich das sogar anbiete zu leiten.

Kids on Bikes erschien erst 2018 und das merkt man auf eine sehr positive Weise. Die Zeichnungen im Buch und die Beispiele sind divers, es werden Sicherheitsmechanismen vorgestellt und es finden sich sehr schöne Überlegungen zum Umgang mit dem Spielen von neurodiversen oder körperlich eingeschränkten Charakteren. Dafür also schon mal ein Pluspunkt. Das Spiel ist tatsächlich mal ein neueres Rollenspiel, das nicht das PbtA-System benutzt, sondern ein eigenes Regelsystem hat. Das gefällt mir sehr gut und man könnte es sogar auch für andere Settings adaptieren, wenn man mal ein sehr regelleichtes System sucht. Im Prinzip hat man nur 6 Fertigkeiten und würfelt mit einem Würfel drauf – je besser der Wert, desto höher der verwendete Würfel. Man hat also auf die schlechteste Fertigkeit einen W4 und auf die höchste einen W20 und damit würfelt man dann gegen eine Schwierigkeitsstufe an und je weiter man drüber oder drunter ist, desto besser oder schlechter ist das Ergebnis. Außerdem hat man so genannte Adversity Tokens (also in etwa: Unglückspunkte), die man erhält, wenn man eine Probe nicht schafft. Mit denen kann man seinen Wurf verbessern oder seine Stärken ausspielen, von denen jeder SC zwei hat. Beispielsweise kann man mit „gut vorbereitet“ für einen Punkt einen passenden Gegenstand im Rucksack haben, oder bekommt mit „trainiert in X“ einen Bonus auf eine Fertigkeit. Und das war auch schon fast alles – Charaktere können sich noch gegenseitig helfen und es gibt ein paar Sonderdinge für den Kampf, aber viel mehr ist da nicht an Regeln. Die Charaktere basieren alle auf einem Klischee und es gibt sie als Kinder, Teenager und Erwachsene. Wie es die meisten aktuellen Systeme so tun, werden auch hier die SC mittels einiger Fragen verknüpft. (Cool: Es gibt diese Fragerunden in 3 verschiedenen Intensitäten, von „wir wollen so schnell wie möglich losspielen“ bis zu „wir wollen gründliche ne Kampagne vorbereiten“.) Man sollte dabei, so hat unsere Runde ergeben, ruhig dafür sorgen, dass die SC sich zumindest teilweise schon sehr gut kennen und auch miteinander rumhängen, sonst kann es eine Weile dauern, bis alle miteinander im Spiel sind.

Sehr interessant ist auch der Umgang mit Personen mit übersinnlichen Fähigkeiten. Die gibt es nämlich nicht als Spielercharaktere, sondern nur als NSC – und sie werden von der Gruppe gemeinsam gespielt. Tatsächlich habe ich das nicht so weit getrieben, wie das System es vorschlägt, das möchte nämlich, dass jede*r Mitspielende ein Charaktermerkmal des NSC ausdenkt und diese*n dann spielt, sobald dieses Merkmal im Mittelpunkt steht. Und das war mir irgendwie zu … seltsam, auch wenn ich das vielleicht nochmal irgendwann ausprobieren würde. In jedem Fall bestimmen die Spielenden aber, was für eine Art von Kräften der NSC besitzt und wann er diese einsetzt. Dazu gibt es auch Punkte, über die alle gemeinsam verfügen und die man ausgeben muss, wenn der NSC was Übernatürliches tun soll. Das finde ich einen sehr coolen Mechanismus, denn damit wird die übernatürlich begabte Person nie jemand, die den anderen die Show stiehlt, sondern kann einfach so eingesetzt werden, wie es alle am besten finden.

Ähnlich wie bei PbtA ist Kids on Bikes auch eher so angelegt, dass man spielt um herauszufinden, was passiert. Es gibt zwar auch einen Zusatzband mit Szenarien sowie einen kostenlosen Schnellstarter mit einer ausgearbeiteten Stadt, aber grundsätzlich ist vorgesehen, dass man die Zeit, in der man spielt (es müssen nicht die Achtziger sein) sowie die Kleinstadt, in der die Charaktere wohnen, gemeinsam erstellt. Dazu gibt es eine Reihe von Fragen, es empfiehlt sich auch durchaus, eine kleine Karte zu zeichnen. Dann steuert noch jede*r Mitspielende ein Gerücht bei, das es in der Stadt gibt. Und aus diesen Informationen baut man dann quasi das Abenteuer. Dabei ist aber auch durchaus vorgesehen und erwünscht, dass viel Input von den Spielenden kommt.

Die Runde war dann auch ganz cool – wir hatten lustige Locations und wilde Gerüchte, ich konnte sogar fast alle davon einbauen und es gab sogar ein recht klassisches Finale mit Endkampf um das seltsame Alienartefakt und so.

Ich würde das ja auch gerne mal spielen und nicht nur leiten, vielleicht ergibt sich noch mal eine Runde. Ich find Kids on Bikes jedenfalls ein wirklich cooles Gesamtpaket und ein wirklich gutes Beispiel für ein modernes, erzähllastiges Rollenspiel. Wer mal reingucken will, findet die Promo-Regeln inkl. spielfertigen Charakteren und einem ausgearbeiteten Setting mit Plothooks hier unter „Ashcan Rules“.

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