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Rezension: Wasteland

Wasteland ist der neue SciFi-Endzeit-Utopie-Roman von Judith und Christian Vogt.

Das Blog hier ist auch so ein bisschen Wasteland. Seit Juni nix mehr geschrieben. Aber zum Glück frisst es ja kein Brot und wartet geduldig, bis ich wieder mal was loswerden will, was nicht in 1-4 Tweets passt. So wie heute, denn ich habe mal wieder ein Buch gelesen und muss drüber schreiben.

Disclaimer 1: Das Buch wurde mir geschenkt. As in, unter Freund*innen, nicht vom Verlag als Rezensionsexemplar.

Disclaimer 2: Ich bin mit den beiden Autor*innen befreundet.

Wasteland ist, so sagen es Judith und Christian selber, eine Mad-Max-Utopie und spielt in der postapokalyptischen Eifel im Jahr 2064. Die Menschheit hat in drei Kriegen Städte, Länder und sich selbst zerstört und verändert, das Insektensterben ist noch länger her, und durch einen biologischen Kampfstoff sind ganze Landstriche nicht zu betreten, ohne sich mit der Wastelandkrankheit zu infizieren. Die Menschen leben in Gangs, Sekten oder Communities, und während die einen auf das Recht des Stärkeren pochen und mit Gewalt die Rangordnung klären, sind die anderen zu einer Gemeinschaft gewachsen, in der alle ihren Platz haben und akzeptiert werden. Toxxers heißen die einen, Hopers die anderen.

Mittendrin: Zeeto, ein junger Mann mit bipolarer Neurodivergenz, der im Ödland unterwegs ist und dort ein Baby findet. Und Laylay, eine junge Frau, die mit ihrem Vater durch die Lande reist und gerade rechtzeitig wieder zu Zeetos Gemeinschaft kommt, um zu seiner Rettung ausgeschickt zu werden – denn seltsamerweise ist sie immun gegen die Wastelandkrankheit. Aus Sicht der beiden wird abwechselnd erzählt, hinzu gesellt sich noch Root, der WiFi-Schamane der benachbarten Gang, der eine dritte Erzählperspektive einnimmt.

Der Fund des mysteriösen Babys, das ebenfalls nicht von der Krankheit infiziert ist, setzt dann die Ereignisse in Gang. Irgendwas geht vor im Ödland, die Gangs und Sekten rühren sich, alle wollen an das Baby und dessen Geheimnisse, und Zeeto und Laylay sind mittendrin und obendrein noch völlig eineinander verschossen. Ich will jetzt gar nicht groß spoilern und viel über den Plot verraten. Wie eigentlich alle Vogtschen Bücher war auch dieses hier absolut spannend und ich hätte es locker an einem Tag durchlesen können, wenn ich mich nicht zusammengerissen hätte, um noch länger etwas davon zu haben. Denn, auch wenn Wasteland spannend, unterhaltsam und ein absoluter Pageturner ist: Es ist eben auch mehr als das.

Wasteland hat so viele Themen und Ideen aufgegriffen, die mir wichtig sind und verbindet diese elegant mit dem Plot und den Protagonist*innen. Zum einen ist da natürlich die Frage von Hoper oder Toxxer, die sich durch das ganze Buch zieht. Was passiert mir uns, wenn die Zivilisation zusammenbricht? Fallen wir zurück in hierarchische Strukturen und leben in einer Hackordnung, die von Sex, Gewalt und der Demonstration von Stärke bestimmt wird? Beten wir irgendwas oder irgendwen an und brennen alles nieder, was uns dabei im Weg steht, unseren Glauben durchzusetzen? Halten wir uns fern von jedem Zusammenleben, um nicht in Konflikte hineingezogen zu werden? Ist das Wegfallen der alten Ordnung vielleicht eine Chance, Gemeinschaft neu zu denken und alte Denkweisen abzustreifen, jede Person mit ihren Eigenheiten zu akzeptieren und wirklich gleichberechtigt zusammenzuleben? Im Roman werden alle diese Ideen beleuchtet, vor allem fokussiert auf die hoffnungsvolle Gemeinschaft des Handgebunden-Markts, von dem Zeeto stammt. Der Markt ist eine Community, die über patriarchale Strukturen, Anspruchsdenken und Heteronormativität hinaus ist und in der alle gleichberechtigt zusammenleben. Auch Menschen mit Neurodivergenzen werden dort nicht als krank oder belastend empfunden, sondern einfach als Menschen, die anders sind und sich in manchen Bedürfnissen und Fähigkeiten unterscheiden. Diese Gemeinschaft ist in jedem Fall für mich das Highlight des Romans, denn so oft werden futuristische Szenarien, ob SciFi, Endzeit oder Postapokalyspe, gar nicht als Chance wahrgenommen, auch die Gesellschaft neu zu denken und nicht nur Technik, Ressourcen oder äußere Einflüsse. Und noch viel öfter geraten solche Settings zu Dystopien, zu „so krass sind Menschen drauf, wenn die Regeln der Zivilisation nicht mehr gelten“. Wenn man sich in der Welt so umschaut, kann ich verstehen, wie man zum Schluss kommt, dass einigermaßen konstruktives Zusammenleben nur funktioniert, weil wir diese dünne Schicht aus Moral, Regeln, Gesetzen und Gepflogenheiten über unser eigentlich zutiefst schädliches und egoistisches Selbst legen. Aber wenn man sich noch mal genauer umsieht, gerade in queeren, marginalisierten Communities, dann merkt man auch, dass es nicht so sein muss. Dass es auch heute schon Gemeinschaften gibt, die offen, akzeptierend und unterstützend füreinander einstehen. Und ich finde es sehr gelungen, dass der Roman in beide Richtungen geht und beide Entwicklungen vorstellt. Mal ganz davon abgesehen, dass ich natürlich sofort in die Gemeinschaft des Markts einziehen will.

Wo wir gerade bei Neurodivergenz sind: Auch das fand ich absolut gelungen. Zeeto ist bipolar (euch womöglich besser bekannt unter dem Begriff manisch-depressiv), und da er als Ich-Erzähler fungiert, kommen die Leser*innen ihm natürlich auch sehr nah und können seine Gedanken und Überlegungen nachvollziehen. Dabei macht Wasteland vieles nicht, was andere Erzählungen anstellen, wenn psychische Auffälligkeiten beschrieben werden: Weder stellt sich im Laufe des Buches erst heraus, dass er nicht neurotypisch ist, noch beziehen sich seine Probleme (nur) darauf. Natürlich spielt die Bipolarität eine Rolle, aber sie ist weder die Ursache aller Probleme noch etwas, was irgendwie überwunden werden muss – im Gegenteil, in der Wasteland-Zukunft sind Medikamente knapp und Zeetoo könnte sich selbst, wenn er das wollte, nicht einfach jeden Tag Lithium reinziehen. Stattdessen haben er und seine Oma, die ebenfalls bipolar ist, ihre eigenen Methoden gefunden, um damit klarzukommen, wobei es natürlich hilft, dass im Handgebunden-Markt keine Person nen 9-to-5-Bürojob durchziehen muss. Aber trotzdem wird nicht geschönt dargestellt, wie schlecht es Zeeto teilweise geht, im Gegenteil, es wird eindrucksvoll beschrieben, wie schwer es ihm in seinen depressiven Phasen fällt, auch nur aufzustehen oder etwas zu essen. Und schließlich: Zeeto kommt selbst zu Wort, kann selbst beschreiben, wie es ihm damit geht – und das auch noch auf eine absolut humorvolle und reflektierte Weise, wenn er z. B. seinen aktuellen Standort mit „United States of Depression“ angibt oder sich selbst als Mano-Zeeto vorstellt, nachdem er von der depressiven in die manische Phase gekippt ist. Dem Nachwort des Buches lässt sich außerdem auch entnehmen, dass für diesen Aspekt des Romans eine Person mit Erfahrung auf dem Gebiet konsultiert wurde.

Und überhaupt, Zeeto. Ich liebe den einfach so sehr. Beziehungsweise liebe ich die Art und Weise, wie die beiden Hauptfiguren des Romans ausgearbeitet sind. Von den grundsätzlichen Entscheidungen, dass Zeeto und Laylay in vielen Punkten von üblichen Klischees abweichen (nicht weiß, nicht immer normschön, nicht neurotypisch, der Typ wartet auf das umherziehende Mädchen, das ihm letzten Sommer den Kopf verdreht hat und nicht andersrum) habe ich vermutlich lange keine so großartige Romanze zwischen zwei so gleichberechtigten Personen gelesen. Beide haben ihre Stärken und Schwächen und beide überwinden sie immer wieder, hadern damit, sind offen zueinander, streiten sich auch mal, aber nie aus irgendwelche bescheuerten Eifersuchtsgründen oder weil sie nicht miteinander reden. Außerdem ist Laylay definitv die körperliche Stärkere von den beiden, während Zeeto emotional trotz seiner Bipolarität viel reifer und stabiler ist. Und Zeeto, erwähnte ich schon, dass ich ihn liebe, ist generell der vermutlich untoxischste männliche Charakter ever. Achso, und die Romanze führt natürlich auch dazu, dass es Sexzenen gibt, und Sexszenen sind bei Judith sowieso immer mein Highlight, weil sie einfach immer realistisch, awkward, lustig und trotzdem irgendwie heiß sind. So wie Sex halt auch. Ich hab mich auch selten so gestresst gefühlt beim Lesen wie bei der einen Szene, wo sie genau EIN Kondom haben, weil die Dinger einfach super selten und teuer sind.

Auch die dritte Erzählperspektive, der WiFi-Schamane Root, ist übrigens großartig  und fügt dem Roman noch eine große Prise Skurrilität und Weirdness hinzu. Außerdem merkt man durch seine immer wieder eingestreute Toxxer-Sichtweise erst, wie erfrischend anders Laylay und Zeeto so ticken.

Auch das Worldbuilding ist wieder sehr cool und sehr durchdacht. Was passiert, wenn es quasi keine Insekten mehr gibt, welche politischen und sozialen Konflikte und Bewegungen ausgelöst wurden und wie diese fiktive Zukunft sonst so aussieht, fließt immer wieder am Rand in die Geschichte ein. Seien es die solarbetriebenen Fernseher auf dem Handgebunden-Markt, die Erzählungen von Zeetos Oma über ihre eigene Flucht nach Europa oder die Beschreibung der vielfach geflickten und ausgebesserten Kleidung der Marktleute. Dabei driftet das Ganze aber nie in irgendwelche langen Exkurse ab, sondern es wird alles organisch mit in die Geschichte und die Dialoge eingebaut.

Auch sprachlich geht Wasteland neue Wege. Zum einen hat sich natürlich auch die Sprache etwas fortentwickelt in der fiktiven Zukunft, sodass zwar immer noch Deutsch gesprochen wird, aber mit vielen englischen und türkischen Begriffen durchsetzt. Zum anderen sind Laylay und Zeeto ohne Schule und in einer anderen Gesellschaft aufgewachsen und reden und denken so, wie ihnen der Schnabel gewachsen ist. Durch die Ich-Perspektive ist man beim Lesen sowieso sehr nah an ihnen dran und mir hat es sehr gut gefallen, wie ungefiltert, teilweise sprunghaft, oft sehr lustig und manchmal auch tieftraurig die Gedankenwelten sind, in die man dabei eintaucht. Dann schlägt sich die offene und vielfältige Gesellschaft der Zukunft natürlich auch darin nieder, dass beispielsweise Neopronomen wie „ser/sir“ benutzt werden, wenn von den nichtbinären Personen im Cast gesprochen wird. Cool fand ich dabei, dass es tatsächlich sowohl bei den Marktleuten als auch bei der benachbarten Gang einen Enby-Nebencharakter gibt. Der Unterschied ist halt nur, dass die Hopers nett nach den Pronomen fragen und die Toxxers zur Not so lange Leute verprügeln, die sie falsch ansprechen, bis das sitzt. Und überhaupt, ein Buch, in dem sich Leute mit ihren Pronomen vorstellen. Hab ich erwähnt, dass ich gerne auf dem Handgebunden-Markt einziehen will….?

Aber die Sprache hört da noch nicht auf, denn Wasteland ist der – vermutlich erste – deutsche Roman in gendergerechter Sprache. Ja, genau. Das, von dem Leute gerne behaupten, das würde doch gar nicht gehen. Wer solle das denn noch lesen. Man habe 2 Doktortitel, aber steige beim Gendersternchen aus dem Lesefluss aus. Und dergleichen Blödsinn mehr. Tatsächlich kommt Wasteland ohne Gendersternchen aus – aber einfach auch ohne generisches Maskulinum. Und ich muss sagen, ich hätte nicht erwartet, dass das beim Lesen tatsächlich so wenig auffällt. Ich war sehr gespannt drauf und wollte extra drauf achten und dann …. stellte ich fest, upps, bin auf Seite 50 und bisher nicht einmal drüber gestolpert. Denn tatsächlich fällt es kaum auf, wenn da statt „Marktbewohner“ eben „Marktbewohnende“ steht oder von „Personen“ und „Leuten“ die Rede ist statt irgendeinem Maskulinum. Und auch Sachen wie „die Boss“ für eine weibliche Anführerin sind höchstens beim ersten Mal kurz irritierend. Ich war jedenfalls total erstaunt, wie wenig anders sich ein Text liest, der ohne blöde generisches Maskulinum auskommt. Noch ein großer Pluspunkt für das Buch. Und viel Liebe für Judith und Christian, die auf „man kann doch nicht einfach“ immer wieder antworten „natürlich kann man – just watch us!“.

Als ich das Buch durch hatte, war ich erstmal ein bisschen zerstört so innerlich, denn ich hätte gerne gewusst, wie es weitergeht nach dem eher offenen Ende, das auch noch einmal betont, dass Geschichten ohnehin immer weitergehen – eine Erzählung wählt eben nur den Abschnitt aus, den wir kennenlernen dürfen. Der Rest ist unserer Fantasie überlassen und ob die eher düster oder eher hoffnungsvoll ausfällt, liegt eben an uns. Genauso wie es jeder lesenden Person selbst überlassen bleibt, ob sie in Wasteland einfach eine spannende, actionreiche Geschichte mit viel Gefühlen, Drama und einer Gang auf einem Schaufelradbagger sieht, oder eben eine Betrachtung dazu, wie unsere Gesellschaft in der Zukunft aussehen könnte, welche Chancen und Risiken die Zukunft bietet und wie weit Hoffnung gehen kann. Wasteland ist, wie immer beides, und dafür verneige ich mich erneut beeindruckt vor Judith und Christian. Schreibt bitte immer weiter solche wichtigen, weirden, wunderschönen Bücher.

Wasteland, 2019, Droemer Knaur, € 14,99.

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Die 13 Gezeichneten 2: Die Verkehrte Stadt

Handwerksmagie, Mysterien, Krieg und Revolution: Nach einem Jahr Wartezeit erschien im März endlich der zweite Teil von Die 13 Gezeichneten, und ich möchte wieder ein paar Worte darüber verlieren.

Disclaimer: Ich habe vom Verlag ein Rezensionsexemplar des Buches erhalten.

Disclaimer 2: Ich kenne die Autorin und den Autor des Buches persönlich. Wie immer gilt: Ich würde trotzdem meckern, wenn ichs doof fand.

Die 13 Gezeichneten: Die Verkehrte Stadt, Bastei Lübbe, € 14.00

Nachdem mich Teil 1 schon sehr begeistert hatte, war ich sehr happy, als Band 2 irgendwann im März in meinem Briefkasten lag. Das Cover ist auch wieder sehr cool geworden (man kann sich übrigens, Achtung, Twitter-Link, noch ein bisschen was zur Entstehung durchlesen: KLICK!) Allerdings stieg die Freude dann um ungefähr 3000 %, als ich das Buch aufklappte und die Widmung las.

Weil:

Ich meine … IST DAS NICHT DAS COOLSTE ÜBERHAUPT???

(Und in der Danksagung steh ich AUCH NOCH, meine Güte, so viel Liebe.)

Also eigentlich ist damit natürlich das Highlight des Buchs schon früh erreicht *hust*, aber natürlich kann der Inhalt auch mit der Awesome-igkeit der Widmung mithalten.

Ich versuche mich mal ausnahmsweise ein wenig kürzer zu fassen, um gar nicht erst in die Verlegenheit zu kommen, so tief auf den Inhalt einzugehen, dass ich spoilern müsste.

Zweite Teile von Trilogien haben ja mitunter das Problem, dass sie irgendwie die Story weiterführen müssen, dabei aber noch nicht zum Finale kommen können, und im schlimmsten Fall schlägt sich das dann in so rumeiernder Handlung oder in „wir machen nochmal das, was in Band 1 funktioniert hat“ (I am looking at you, Hunger Games!) nieder. Glücklicherweise ist das bei Die Verkehrte Stadt überhaupt nicht der Fall. Die Geschichte und die Charaktere entwickeln sich so weiter, dass es total logisch und organisch wirkt. Am Ende ist der Konflikt des Bandes beigelegt, aber ein neuer entstanden, ähnlich, wie es in Band 1 schon war. (Und falls ihr dachtet, der Cliffhanger am Ende von Band 1 war schlimm: Ahahahahaa.)

(Also, echt jetzt.)

Aber zum Glück liegen vor dem Cliffhanger ja noch 600 Seiten, die einfach echt Spaß machen. Von denen ich 350 an einem Tag verschlungen habe, weil ich einfach nicht aufhören konnte.

Die Verkehrte Stadt ist genauso spannend wie Teil 1, es gibt ein paar sehr tolle neue Charaktere (Guillome!! Guillome ist gleichzeitig the best und the worst und ich mag den wirklich sehr), die mir teilweise auch vor allem deshalb gut gefallen haben, weil man merkt, wie viel Gedanken so in die Frage geflossen sind, wie die Träger eines Urzeichens wohl aussehen könnten und dann eben nicht das erstbeste Klischee verwendet wurde. Aber auch die Charaktere aus Teil 1 sind weiter sehr gut gelungen, entwickeln sich interessant weiter und haben mit Problemen zu kämpfen, die man vielleicht gar nicht sofort erwartet hätte. Das gilt diesmal auch besonders für Lysandre Rufin, der im ersten Teil ja schon ein unglaublich guter Antagonist war und sich in Band 2 irgendwie so entwickelt, dass ich sehr gespannt darauf bin, wie es in Band 3 mit ihm weitergehen wird. Achja, und Die Verkehrte Stadt hat es dann glatt geschafft, dass er nicht mehr auf Platz 1 der Fiesen-Möpp-Liste steht, da gab es zwei Charaktere, die ich echt mehr hasse inzwischen.

Nachdem Teil 1 der Trilogie vollständig in Sygna spielte, gibt es in Band 2 noch verschiedene andere Schauplätze. Vor allem Naronne hat mir wirklich sehr gut gefallen, als kaiserliche Studentenstadt am Meer und mit toll beschriebenen Gebäuden und einer irgendwie ganz eigenen Stimmung, die auf den doch eher wenigen Seiten, die in Naronne spielen, gut rüberkam. Das wäre auch übrigens einer der wenigen Kritikpunkte, die ich am Roman habe: Ich hätte von Naronne und den dort stattfindenden Ereignissen gern etwas mehr und etwas ausführlicher gelesen. Gleichzeitig hätte ich aber auch nicht auf Teile der restlichen Geschichte verzichten mögen und das Buch hat ja nun schon 600 Seiten. Jedenfalls, und das fand ich super, merkte man sehr, dass die Romanreihe einfach nicht im luftleeren Raum stattfindet, sondern es in der Welt noch sehr viel mehr zu entdecken gibt. Crossover zum Rollenspielsetting Scherbenland gab es diesmal jedenfalls noch mehr und noch deutlicher als in Teil 1, das hat mir sehr gefallen. Ich hoffe, es gibt in der Zukunft noch mehr Content, der auch die anderen spannenden Schauplätze des Settings beleuchtet. Aber auch Sygna selbst, mit seinen schon etablierten Geheimnissen, wird näher erforscht und beleuchtet und ist nach wie vor einfach ein tolles Setting.

Die Handwerksmagie, die schon im ersten Band sehr schick, weil einfach mal eine ganz andere Art von Zauberei, war, spielt natürlich auch im zweiten Teil eine große Rolle. Die Abschnitte des Romans, die mehr Hintergrund dazu etablieren, die Schattenseiten (ahahahaha, Wortspiel für Eingeweihte…) der Magie zeigen und die Geschichte der Zeichenträger nach und nach immer weiter enthüllen, waren für mich auf jedenfall eins der Highlights. Ich liebe Geschichten, bei denen man nach und nach immer weiter unter die Oberfläche sehen kann und Settings, die so viel Tiefe haben.

Sehr cool fand ich auch viele zwischenmenschliche Aspekte, die beleuchtet werden. Es gibt beispielsweise eine fantastische, lustige, sich „echt“ anfühlende Sexszene, die dem Klischee der errötenden Jungfer mal so richtig den Stinkefinger zeigt, es gibt einen sehr tollen Moment, in dem ein Charakter die ihm eingetrichterte toxische Maskulinität einfach mal über Bord wirft und seinen Kumpel in den Arm nimmt, es gibt ein Sich-Selbst-Akzeptieren eines Charakters, das mich zu Tränen gerührt hat. Dass alle Charaktere so gut rüber kommen und man so mit ihnen mitfiebert, ist bei einem so großen Cast sicher auch nicht selbstverständlich, aber hier ist es sehr gelungen.

Wie eigentlich immer bei den Vögten verbirgt sich hinter der spannenden Geschichte aber noch weitaus mehr, nämlich auch hier wieder eine fundierte Gesellschaftskritik, die den Roman auch über die eigentliche Handlung hinaus sehr relevant macht. Immer wieder wird thematisiert, wie schwierig es für die Mächtigen ist, wenn ihre Macht, ihre Stellung, ihr das-haben-wir-doch-schon-immer-so-gemacht infrage gestellt wird, wenn andere Menschen auch ein Stück vom Kuchen abhaben und Gehör finden wollen und wie viel es nicht um Inhalte geht, sondern um Posten und Ansehen. Und auch wie weit manche, ja, sorry, alte weiße Männer gehen würden, um sich ihre Position weiter zu sichern, fühlte sich fast schon unangenehm aktuell und relevant an. Von daher wieder ein großes Kompliment an Judith und Christian – ich feiere euch dafür, dass ihr immer mehr macht als nur eine spanennde Story erzählen zu wollen!

Also insgesamt wieder alle Daumen hoch, 13 von 13 Zeichen! Wer Fantasy mit ungewöhnlicher Magie und tollem Weltenbau mag, kann hier in jedem Fall zugreifen und bekommt gleich noch eine spannende Story und tolle Charaktere dazu.

Ich hoffe, die Wartezeit zu Band 3 vergeht schnell. Und wenn dann … und … nicht endlich knutschen, ey….!

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Gelesen: „Die 13 Gezeichneten“ von Judith und Christian Vogt

Disclaimer: Ich kenne beide Autoren persönlich und bekam von ihnen ein Exemplar des Buchs geschenkt. Mit Widmung und so. Das hält mich aber, wie üblich, nicht davon ab, eine Meinung zum Buch zu haben. Auch wenn sie positiv ausgefallen ist, weswegen ich das hier jetzt auch nicht Rezension nennen mag, sondern mehr so … Fangirling. Was solls.

Man nehme also: Eine belagerte Stadt, einen kleinen Haufen entschlossener Rebellen, einen gewieften Agenten der Geheimpolizei und Handwerks-Magie. Das mixe man zusammen, gieße eine ordentliche Portion Kämpfe, Geheimnisse und Dialogkunst hinzu und garniere alles mit einer Prise Humor und ein paar Häppchen uralten Übels: Fertig ist der Roman Die Dreizehn Gezeichneten, dem neuesten Werk des Autoren-Duos Judith und Christian Vogt. Naja, ein bisschen komplizierter war die Entstehungsgeschichte des Romans vermutlich schon. Sie hat auch sicherlich gaaaaar nichts mit der Vorliebe für Rebellen gegen böse Imperien Kaiserreiche zu tun …

Egal.

Also, Die 13 Gezeichneten.

Nein, die haben auch nichts mit den berühmten 7 Gezeichneten von DSA zu tun.

Jetzt aber.

Ach, halt: Ich versuche, nicht zu viel zu spoilern, aber ein paar Ereignisse aus dem ersten Drittel des Buches werde ich schon verraten müssen. Ich bemühe mich aber, keinem den Spaß am Selber-Lesen zu verderben.

So.

Das Cover ist übrigens auch sehr schick.

MEINE GÜTE LENA!

Tschuldigung. Also nun wirklich.

Der Roman ist der Auftakt zu einer Trilogie und spielt in Sygna, einer uralten Handwerkerstadt, die weithin berühmt für ihre Erzeugnisse ist. Das liegt an den magischen Zeichen, mit denen die Sygnaer Handwerker ihre Produkte besonders wertvoll, haltbar oder kunstfertig machen können: Schwerter, die nicht rosten, Kleidung, die nicht schmutzig wird, Verbände, die magisch die Heilung verstärken und so weiter. Um das Monopol der Zeichenhandwerkskunst zu wahren, dürfen jene, die sie beherrschen, die Stadt nicht verlassen. Ebensowenig darf ein Handwerker zwei Zeichenkategorien gleichzeitig lernen. So wurde lange die Einzigartigkeit der Sygnaer Zeichenkunst gewahrt – bis blöderweise die Armee des Kaiserreichs Aquintien die Stadt eroberte, der Zunftrat kapitulierte und ein Gouverneur als Herr Sygnas eingesetzt wurde, der die Zeichenmagie in Manufakturen einsetzt, um damit massenhaft Kriegsgerät für die weiteren Eroberungfeldzüge des Reiches herzustellen. Die Bevölkerung leidet unter der Besatzungsmacht, sieht sich aber den Soldaten des Kaisers weitgehend machtlos gegenüber, zumal die Zunftmeister mit ihnen kooperieren.

Auftritt: Die Rebellen von Sygna. Diese rekrutieren am Anfang des Buches, sehr zu dessen Ungemach, den Fechter Dawyd, der sich eigentlich aus allem raushalten wollte, dann aber doch nicht wegschauen kann, als aquinzische Soldaten einem Straßenmädchen die Hand abschlagen wollen. Und zack, ehe er es sich versieht, ist er mittendrin: In der Rebellion und in einer Geschichte um uralte Magie, die gefährlicher ist als es die Bewohner der Stadt selbst ahnen.

Ich mag ja Bücher (und Filme und Serien) mit schönen Ensembles wirklich sehr gerne, und wo mir schon der reisende Zirkus aus der verlorenen Puppe gut gefallen hat, wissen mich auch die Rebellen zu begeistern. Keiner von ihnen ist DER Protagonist, sondern es kommen alle zum Zug: Der hartgesottene Ignaz Dreifinger, der träumerische Dichter Ismayl, der draufgängerische Dawyd, das gerissene Straßenmädchen Jendra, der starke Neigel und die Pläne schmiedende Elisabeda. Alle haben ihre eigene Vorgeschichte, ihre eigene Sicht auf die Dinge und ihre eigenen Probleme. Da ist es natürlich vorprogrammiert, dass es auch unter den Rebellen immer wieder zu Streit kommt, wenn es darum geht, wie denn nun die Befreiung der Stadt vorangebracht werden soll und welche Opfer dafür in Kauf genommen werden können. Jeder Bürger, der in Mitleidenschaft gezogen wird, gefährdet den Aufstand, denn die kaiserlichen Truppen nutzen Propaganda und Steckbriefe, um die Auführer als Verbrecher hinzustellen, die den Bürgern Sygnas mehr schaden als es die Soldaten tun. Die Frage, ob das Ziel die Mittel rechtfertigt, ist durchaus wichtiger roter Faden im Buch – durchaus gelungen, wie ich finde, und weitaus besser als die Rebellen als die strahlenden Helden und die Besatzer als die abgrundtief Bösen hinzustellen.

Apropos böse: Dann war da ja noch der fiese Möpp, äh, also, der Gegenspieler der Aufständischen: Lysandre Rufin, Chef der Geheimpolizei, der nicht nur dazu da ist, um den Rebellen das Handwerk zu legen, sondern gleichzeitig noch fasziniert von der Magie der Zeichen ist und zusammen mit einem Gelehrten im Auftrag von Kaiser Yulian weitere Erkenntnisse sammelt. Rufin ist ein in meinen Augen großartiger Antagonist, denn er hat seine eigene Agenda und Weltsicht, die im Buch auch soweit rüberkommt, dass man nachvollziehen kann, wie er tickt. Er ist ein klassischer Ich-tue-was-nötig-ist-Schurke, der sich keine Sentimentalitäten leistet, aber auch nicht in unnötige Grausamkeiten abgleitet. Ich habe ihn beim Lesen natürlich mehrfach verflucht, aber meine Fresse, ist der gut geschrieben. I love to hate him!

Und dann war da als letzter nennenswerter Hauptcharakter noch Kilianna Erdhand, auch eine meiner Lieblingsfiguren: Die ist nämlich die Tochter des obersten Zunftmeisters, hätte also ein schönes und bequemes Leben, wenn sie denn wollte. Will sie aber nicht, sie will Gerechtigkeit für Sygna und Gleichheit für die Frauen und dass ihr Vater endlich mal mit der Faust auf den Tisch haut und dem Gouverneur klarmacht, dass die Sygnaer Bürger nicht endlos ausgebeutet werden können. Da er das nicht tut, muss sie dann eben selbst aktiv werden. Charaktere, die sich nicht auf ihren eigenen Privilegien ausruhen und anderen helfen und das Richtige tun wollen: Yay. Und für die Umsetzung: Mehr Yay. Killiana ist einfach super.

Die Magie der Zeichen ist auch ein faszinierendes Konzept, was zumindest ich jetzt noch nicht aus Dutzenden anderer Bücher kannte. Zumal die Zeichen sich nicht nur auf reines Handwerk im Sinne von „Dinge herstellen“ beziehen. Es gibt z. B. auch die Wortzeichen, die Dichter und Schauspieler benutzen und die dazu eingesetzt werden könnnen, Lügen glaubhafter klingen zu lassen oder eine Menschenmenge in Bann zu schlagen (ratet, hinter welchen Zeichen der fiese Möpp besonders her ist…); oder die Verborgenen Zeichen, die Diebe und andere zwielichte Gestalten benutzen, um sich in Schatten zu hüllen oder Geräusche verschwinden zu lassen. Bei allem ist auch ziemlich bemerkenswert, wie der Umgang mit dieser mächtigen Magie ist: Die Sygnaer wissen selber nicht mehr so richtig, woher die Zeichen gekommen sind. Die Vergangenheit der Stadt ist in den Katakomben versiegelt, die Benutzung der Zeichen streng reglementiert. Und das rächt sich genauso sehr wie der Drang der Aquintaner, alles ausbeuten und ausbuddeln zu wollen.

Über das, was im Buch genau passiert, will ich mich jetzt gar nicht weiter auslassen, um nicht zu viel zu verraten. Tatsächlich habe ich, wenn ich ans Buch zurückdenke (es ist schon ein paar Wochen her, dass ich es gelesen habe), auch eher das im Kopf, was über die Handlung hinausgeht: Die verschiedenen Charaktere und ihre Entwicklung, das Konzept der Zeichenmagie und die gesellschaftlichen Fragen, die der Roman aufwirft. Denn es ist immer wieder Thema, dass Kaiser Yulian mit seinem Umsturz in Aquintien eigentlich Gleichheit für alle wollte und dann doch zum Alleinherrscher wurde und, dass auch im Sygna vor der Besatzung nicht alles toll war, wenn man nicht zufällig ein Mann, ohne auffällige Hautfarbe und Mitglied in den Zünften war. Es ist natürlich auch kein Zufall, dass der „Cast“ des Buches nicht aus lauter weißen Dudes besteht, sondern sehr divers ist (und jeder Charakter, der eben nicht white male hetero ist, auch genau deswegen mit Problemen zu kämpfen hat, die die Kritik an der Sygnaer Gesellschaft deutlich machen). Aber auch andere übergreifende Fragestellungen, wie z. B. die, ob man eine gefährliche Vergangenheit lieber begraben oder bewahren sollte, ob es wichtiger ist, die Vergangenheit zu erforschen als die Zukunft zu gestalten und wie viele Opfer gebracht werden sollen und können, um der eigenen Stadt die Freiheit zu erkaufen,  ziehen sich durch das ganze Buch und machen es zu mehr als nur einer spannenden Geschichte.

Der Schreibstil ist, wie gewohnt bei den Vögten, auch wieder super, sowohl die Dialoge als auch die Beschreibungen der Stadt und die actionreichen Kampfszenen. Außerdem merkt man, wie gut Sygna durchdacht ist, denn selbst zu den obskuren Straßen- und Viertelnamen taucht immer irgendwo noch eine Erklärung auf, wo das herkommt und was es zu bedeuten hat.

So, hatte ich denn nun gar nix zu meckern? Ein bisschen schon: Das Ende ist schon wirklich SEHR offen, was einerseits natürlich schön ist und Lust auf Band 2 macht, mich andererseits aber auch ein bisschen unbefriedigt zurückgelassen hat, weil halt bei fast allen Handlungsfäden viele Fragen offen blieben. Und ein paar der geschilderten Verletzungen der Protagonisten waren irgendwie so krass, dass ich immer dachte „okay, der/die ist jetzt tot“ und dann gings ihnen 3 Tage später wieder super, das war mir auch bei aller Heilzeichenmagie manchmal etwas too much.

Ansonsten sind die 13 Gezeichneten jedenfalls ein sehr vernüglicher und spannender Roman, bei dem beim Lesen hinterher trotzdem noch was zum Nachdenken im Hirn zurückbleibt. Ich möchte Band 2! Jetzt!

So ganz nebenher bemerkt sei natürlich noch, dass es auf einer anderen Ecke der Welt noch die Beiden Reiche gibt – ein FATE-Setting mit Musketen, Kirchenschisma, slawisch inspirierten Mythen und Wort-Magie. (Übrigens machen mir die Zeichen auch, glaube ich, mehr Angst als anderen Lesern, denn die WORTE und ihre Nebenwirkungen durfte ich schon am Spieltisch kennenlernen.)

Den Roman findet ihr jedenfalls hier und das FATE-Setting Scherbenland dort.

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Rezension: Die Verlorene Puppe

puppe_cover2-191x300Disclaimer: Ich kenne die Autoren persönlich und sie waren so nett, mir ein Exemplar des Buches zuzuschicken.

Disclaimer 2: Ich versuche die Rezension spoilerfrei zu halten, was auf dem Klappentext steht, kommt hier aber auch vor.

Mit Die Verlorene Puppe von Judith und Christian Vogt ist vor ein paar Wochen der neueste Roman in der Welt von Eis und Dampf erschienen. Eis und Dampf ist ein Steampunksetting, angesiedelt in einem alternativen Europa, in dem seit Jahrhunderten eine Eiszeit herrscht und in dem Luftschiffe, Dampfmaschinen und das Streben nach technischen Errungenschaften den Weg darstellen, wie der Kontinent auf den ewigen Winter reagiert. Neben inzwischen zwei Romanen, einer Kurzgeschichtenanthologie und einem Groschenheft gibt es auch ein Rollenspiel-Settingbuch, in dem Welt nach FATE-Regeln bespielbar wird.

Ich habe letztes Jahr schon den ersten Roman, Die zerbrochene Puppe, gelesen und war da schon ziemlich begeistert von der Welt. Nun also Roman Nummer 2 – und dieser erweitert die bekannte Weltbeschreibung gleich mal ordentlich. Es geht nämlich für die Protagonisten über den Atlantik in bisher unentdecktes Land.

Wo in der zerbrochenen Puppe mit dem deutsche Künstler Nathan von Erlenhofen, der wissenschaftlichen Entdeckung seiner Frau Æmelie und dem Krieg der Lufthanse gegen die Friesen noch eher sehr klassische und europäische Themen im Mittelpunkt standen, geht es in der verlorenen Puppe von Anfang an noch fantastischer und (im positiven Sinne) abgedrehter zu. Im Mittelpunkt steht der Zirkus Apocalástico, der mit seinem bunten Luftschiff durch Europa und Afrika tourt und, wie es beim Zirkus so ist, ein buntes Sammelsurium an Menschen vereint. Verschiedenste Artisten aus aller Welt, ein leicht verrückter Zirkusmagier, eine bärtige Dame, ein echtes Mammut … eine absolut bunte Truppe eben, die mir auch gleich im ersten Kapitel ziemlich ans Herz gewachsen ist. Die Hauptfiguren sind Ferenc Badi, ein Roma-Trapezkünstler, und Yue, eine chinesische Akrobatin. Und die werden zusammen mit dem Rest vom Zirkus während eines Auftritts von seltsamen maskierten Fremden überfallen und gezwungen, selbige mit ihrem Luftschiff in deren Heimat zu bringen – über den Atlantik. Gleichzeitig ist auch ein Luftschiff der Friesen auf dem Weg zum selben Kontinent – an Bord unter anderem die Protagonisten aus dem Vorgängerroman. Deren Geschichte nimmt aber den kleineren Teil des Romans ein und wird vor allem in Logbucheinträgen des Schiffes erzählt.

Die Welt jenseits des Atlantik ist in der Welt von Eis und Dampf bisher ein weißer Fleck auf der Landkarte gewesen, denn niemand, der dorthin aufgebrochen ist, ist je zurückgekehrt. Doch wie die Protagonisten des Romans feststellen müssen, liegt das nicht nur an den Gefahren der Reise, sondern vor allem an den Völkern, die den fremden Kontinent beherrschen. Wer hier jetzt „die zivilisierten Europäer entdecken die Wilden“ erwartet, könnte falscher nicht liegen, denn die Autoren präsentieren eine zwar fremdartige, teilweise äußerst blutrünstige, aber in jedem Fall hoch entwickelte Kultur auf dem amerikanischen Kontinent. Über die jetzt viel zu verraten, ist schwer, wenn man nicht den Inhalt des Buches vorwegnehmen will. Ich fand jedenfalls die Beschreibungen der Völker – die, soweit ich es mitbekommen habe, auch inspiriert von den tatsächlichen historischen Gegebenheiten sind – sehr gelungen und faszinierend.

Die Reise in die Fremde ist jedenfalls nicht das einzige Problem, was der Zirkus hat, denn wie sich bald herausstellt, sind längst nicht alle an Bord die einfachen Artisten, die sie vorgeben zu sein. Da gibt es Geheimnisse, überraschende Entdeckungen, unkonventionelle Verhörmethoden und immer wieder hochkochende Aggressionen, was das erste Drittel des Buches zu einem sehr gelungenen Closed-Room-Abschnitt macht, in dem alle zusammenarbeiten müssen, sich aber immer weiter gegenseitig misstrauen.

Auch an actionreichen Sequenzen spart das Buch nicht, von gefährlichen Reparaturarbeiten am Schiff inmitten eines Gewitters bis hin zu spektakulären Luftschiffschlachten. Diese Szenen sind auch immer so beschrieben, dass man sich beim Lesen sehr gut hineinversetzen und mitfiebern kann.

Vor allem gepunktet hat der Roman bei mir aber mit seinen beiden Protagonisten, deren Beziehung zueinander und den verschiedenen Geheimnissen und Enthüllungen, die damit verbunden sind. Darüber zu schreiben, ohne zu spoilern, ist allerdings auch fast schon unmöglich. Jedenfalls hat es mir gut gefallen, welche fast schon philosophische Ebene der Roman teilweise erreicht und wie viele tiefgreifende Ideen und Fragen mit dem Schicksal von Ferenc und Yue verbunden sind. Und natürlich, so nebenher bemerkt: Ein Roma (auf dessen Leben als „Zigeuner“ und die damit verbundenen Vorurteile und Anfeindungen auch immer wieder eingegangen wird) und eine Chinesin als Hauptfiguren haben mir als grundlegende „Designentscheidung“ auch sehr gut gefallen. Außerdem stellt die bunte Welt des Zirkus eine wohltuende kleine Oase in der ansonsten doch sehr viktorianischen Welt (was so Themen wie Rassismus und Frauenbild der 1890-er angeht) dar. Wobei die Zirkustruppe ja, wie schon erwähnt, alles andere als perfekt ist und die Illusion von der gemeinsam reisenden, eingefleischten Truppe von Außenseitern während des Buches immer mehr in sich zusammenfällt.

Nach dem fulminanten Ende des Romans hatte ich jedenfalls noch mehr Lust, mal ein paar Abenteuer in der Welt von Eis und Dampf im Rollenspiel zu erleben. Oder ein bis fünf weitere Romane zu lesen – genug Anknüpfungspunkte und spannende Nebenfiguren sind jedenfalls vorhanden.

Insgesamt hat mir Die verlorene Puppe noch etwas besser gefallen als der erste Roman (den man übrigens nicht kennen muss, um diesen hier zu verstehen), weil ich den Erzähler sympathischer fand, der Zirkus mir einfach unglaublich gut gefallen hat und ich das sozusagen umgedrehte Kolonialsetting unglaublich spannend und gut gemacht finde. Außerdem hat das Buch einen total großartigen Storytwist, über den ich hier jetzt nix weiter sage, der für mich aber sehr gelungen ist und gut funktioniert hat. Fazit also: Daumen hoch, 10 von 10 Zirkusluftschiffen, gehet hin und leset das!

Kaufen könnt ihr das Buch zum Beispiel hier (Verlags-Shop) oder da (Amazon-Link).

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