Schlagwort-Archive: Literaturhaus Hamburg

Lesung: Neil Gaiman in Hamburg

Eigentlich bin ich ja immer ganz froh über meine kleine Internetwelt, in der ich mich so bewege. Aber selten habe ich mich mehr darüber gefreut als neulich, als ich zufällig per Twitter darüber stolperte, dass Neil Gaiman für eine Lesung nach Hamburg kommt. Neil Gaiman. Nach Hamburg. Hierher. In meine Stadt. Wo ich hinfahren kann. Um Neil Gaiman zu sehen. Neil fucking Gaiman, Alter!!

Ich kaufte also instantan ein Ticket beim Literaturhaus. (Und ärgerte mich mal wieder darüber, dass man 2 Euro MEHR bezahlt, wenn man das Dingen per E-Mail erhält und selber auf dem eigenen Drucker ausdruckt. Das regt mich beim Kino schon immer so auf. Weniger Arbeit und weniger Materialverbrauch für die, mehr Kosten für mich. Zefuq?) Und das war auch ganz gut so, denn als der Herr Mitbewohner kurz vor der Lesung nochmal guckte, ob es noch Karten gibt, war die Lesung restlos ausverkauft. Alleine musste ich trotzdem nicht hin, denn eine Bekannte reiste extra aus Osnabrück an, weil sie Herrn Gaiman auch nicht verpassen wollte.

Gestern war es dann also soweit. Nach einer etwas chaotischen Anreise mit verlegter Bushaltestelle und lustigem Mit-Navi-durch-die-Straßen-rennen stolperten wir dann so 15 Minuten vor Beginn der Lesungs ins Literaturhaus. Da war ich, wir erinnern uns, dieses Jahr schon mal. Damals war es auch mit etwa 30 Leuten im Publikum nicht schlecht besucht – gestern war es voll. Brechend voll. So voll, dass ich am Anfang dachte, keinen Sitzplatz mehr zu kriegen. Zum Glück wurden wir von einer freundlichen Mitarbeiterin doch noch auf die ungefähr letzten 2 freien Plätze gelotst. Wobei nach uns immer noch mehr Leute zur Tür reinkamen, aber die hatten vielleicht schon einen Sitzplatz ergattert.

Die Lesung stellte das „neue“ Buch von Neil Gaiman vor. In Anführungsstrichen deswegen, weil The Ocean at the End of the Lane schon länger erschienen ist, neu herausgekommen ist jetzt nur die deutsche Übersetzung. Und die wurde auch promotet, so dass der größere Teil der vorgelesenen Texte aus der Übersetzung stammte. Gelesen wurde von Gerd Köster, der das auch super gemacht hat. Auch die Übersetzung erschien mir, so man das aus 2 vorgelesenen Kapiteln beurteilen kann, recht gut gelungen zu sein.

Zum Glück gab es aber auch einige vorgelesene Passagen aus der Originalversion, gelesen von Neil himself. Was natürlich toll war, weil er auch großartig vorlesen kann. Ich habe das Buch noch gar nicht gelesen, werde das jetzt aber fix nachholen. Ich bin schon sehr gespannt. Zum Glück wurden auch die ersten beiden Kapitel gelesen, so dass nicht viel vom Inhalt vorweggenommen wurde.

Durch den Abend geführt hat Felicitas von Lovenberg, die – was sehr putzig war – genauso ein großes Fangirl ist wie alle anderen im Raum es waren. So wurden dann diverse Fragen zum Roman gestellt und von Herrn Gaiman beantwortet. Und das war unglaublich interessant. Ich hätte da noch locker weitere drei Stunden zuhören können. Faszinierenderweise redet Neil Gaiman fast, wie er schreibt – ganz locker, ganz unverschnörkelt und mit großartigen Pointen. Der ganze Saal hat ständig laut gelacht. Zum Beispiel die Tatsache, dass der Roman eigentlich nur eine Kurzgeschichte als Geschenk an seine Frau werden sollte, die dann zu einem Roman mutierte („and then I called my agent and told him I have written a novel no one ever asked for“), Erinnerungen an seine Kindheit („Only when I was a father myself I realized that I had been a strange child“), in der er im Alten von 7 Jahren sein Bücherregal alphabetisch sortiert hatte, und an die Orte, an denen er aufgewachsen war. Oder wie er vor 5 Jahren von seinem Vater hörte, dass sich in dessen Auto mal sein Untermieter umgebracht hatte und er, statt Mitgefühl zu haben, als erstes dachte: „So something interesting happened during my childhood and NO ONE TOLD ME??“ (diese Geschichte findet sich dann auch im Roman wieder). Es ging auch noch um die Sprache im Roman, um ein 1000 Jahre altes Farmhaus, eine lachende Matrosenfigur und vieles mehr. Man kann es gar nicht alles wiedergeben, es waren einfach ganz viele tolle Details, die da erzählt wurden. Und das alles natürlich in diesem wunderbaren britischen Akzent. Hach.

Das einzig Störende an der ganzen Sache war, dass Frau von Lovenberg nicht nur als Moderatorin, sondern auch als Dolmetscherin dabei war. Sprich, nach jedem Frage-Antwort-Abtausch wurde von ihr nochmal auf Deutsch alles zusammengefasst, was da eben gesagt wurde. Das hat sie auch super gemacht, allein: Es war komplett unnötig. Man hat an der Reaktion des Publikums (Lachen etc. ) deutlich gemerkt, dass gefühlt ALLE im Raum genug Englisch konnten, um Herrn Gaiman zu verstehen. Vielleicht waren es auch nur 99%, aber irgendwie kam halt nie ein Lacher oder eine Reaktion, wenn alles nochmal auf Deutsch vorgetragen wurde, weil es wohl alle schon beim ersten Mal verstanden hatten. Das war halt vor allem deshalb ärgerlich, weil man in der Zeit noch viel mehr interessante Fragen hätte stellen dürfen.

Nach ungefähr 2 Stunden endete dann die Lesung und es gab noch die Möglichkeit, sich ein Buch signieren zu lassen. Das wollten auch 90 % der Anwesenden, so dass wir dann erstmal eine Weile in einer Schlange herumstehen durften, was aber durch nette Unterhaltungen nicht weiter wild war. Tja, und dann war es so weit, einmal Herrn Gaiman hallo sagen, eine Unterschrift in meine Ausgabe von Smoke and Mirrors bekommen, nach einem Foto zu fragen hab ich mich auch getraut – hat er auch gemacht, leider sehe ich drauf aus wie ein debil grinsender Vollmond mit Doppelkinn, ABER EGAL. Im Nachhinein wünschte ich natürlich, ich hätte irgendwas Intelligentes gesagt. Aber ach, wann fällt einem das schon ein.

Es war jedenfalls eine gelungene Veranstaltung, es war super, dabeisein zu können und es wird sicherlich eins der Highlights der Jahres für mich bleiben.

Tl; dr: I SAW NEIL GAIMAN AND IT WAS AWESOME! 🙂

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Bücher, Fangirl

April, April

Gestern begab es sich also, dass ich zum ersten Mal in meinem Leben auf einer Lesung war. Jaaah, wirklich zum ersten Mal. Warum, weiß ich selber nicht so richtig. Nun war es aber soweit und das kam so: Isabel Bogdan, deren Blog ich seit langem begeistert verfolge, verloste Karten für die gestrige Lestung im Literaturhaus. Ich beteiligte mich also an dem Gewinnspiel und gewann tatsächlich 2 Karten (worüber ich mich, da ich noch nie irgendwas gewonnen habe, sehr gefreut habe) und ging dann also mit dem Herrn Mitbewohner gestern hin. Angelika Klüssendorf las aus ihrem neuen Roman „April“, der – wenn ich gestern richtig zugehört habe – heute erscheint. Nun ist es ja so, dass ich bei aller Lesefreude und Bücherregalanbaubedarf nicht so wirklich Ahnung davon habe, wer gerade literarisch was tut, wer angesagt ist und über wen die Presse schreibt. Bücher finde ich entweder über Empfehlungen von Freunden, im Forum (TM) oder in diversen Blogs (wie z. B. dem von Isa), manchmal auch über die Amazon-Empfehlungen. Dann gibts natürlich die Autoren, die ich so gut finde, dass ich nach und nach alles von ihnen lesen möchte. Allerdings haben irgendwelche Literaturpreise und dergleichen eher selten Einfluss auf meine Buchwahl. So habe ich dann auch erst bei der Lesung festgestellt, dass Frau Klüssendorf schon mehrere Roman und Sammlungen mit Erzählungen veröffentlicht hat. Wuppala.

„April“ jedenfalls ist der Titel des Romanes und der Name, den sich die Protagonistin selbst gegeben hat. Es gibt einen 2011 erschienenen Roman, „Das Mädchen“, in dem die Kindheit jener Protagonistin erzählt wird – laut Aussage der Autorin gestern soll man die Bücher aber auch getrennt voneinander lesen können. So ganz grob gesagt geht es in den beiden Büchern eben um jenes Mädchen, dass in der DDR aufwächst, eine schrecklicke Kindheit mit gewalttätigiger Familie und Kinderheim erlebt und sich dann, im zweiten Buch, als junge Erwachsene durchs Leben schlägt. Nun hab ich (noch) keines der beiden Bücher gelesen und verweise daher einfach mal auf Isas Blog, in dem sie „Das Mädchen“ und „April“ rezensiert hat. Genauso wie ihre Figur kommt auch Angelika Klüssendorf aus der ehemaligen DDR und die Geschichte ist wohl zumindest zu Teilen autobiographisch. So etwas finde ich meistens spannend und mit „Krokodil im Nacken“ von Klaus Kordon und „Goldener Reiter“ von Michael Weins habe ich Ende letzten Jahres schon zwei Romane in die Richtung gelesen. Wenn ich jetzt so drüber nachdenke, glaube ich sogar, dass ich auf beide ebenfalls über Isas Blog gestolpert bin *g*.

Gestern Abend jedenfalls, um mal zur Lesung zurückzukommen, betrat ich dann also zum ersten Mal das Literaturhaus in Hamburg. Allein für die Optik hat sich der Besuch ja schon gelohnt – nachdem man erstmal in einer kleinen Bar noch etwas zu Trinken erwerben kann, kommt man dann für die Lesung in einen absolut umwerfenden Saal, so richtig mit riesigen Kronenleuchtern, kleinen Engelchen an der Decke, Stuck, Säulen, tralala. Wirklich sehr schön. Ein Teil von mir wollte gleich zurück zur Kasse laufen und nachfragen, ob man den Saal nicht vielleicht mieten kann und dann darin irgendein historisches Tanz-Event oder sowas organiseren. Ich konnt mich dann aber noch beherrschen. Und dann ging es auch los. Neben der Autorin selbst war auch ein Moderator anwesend, der Frau Klüssendorf vorab und zwischendrin zu „April“ und anderen Büchern befragte. Dann wurde zwei mal gelesen und am Ende gab es auch noch ein paar Minuten Gespräch mit der Möglichkeit, selbst Fragen zu stellen. Nun schien es mir so zu sein, dass der Moderator und die Autorin irgendwie nicht so ganz miteinander kompatibel waren. Es ging schon damit los, dass er erzählte, dass das „Mädchen“ ja schon in anderen, früheren Erzählungen aufgetaucht sei, was sie sofort verneinte. Auch im weiteren Gespräch kam es manchmal zu Missverständnissen – das lustigste war eine Szene, die er aus „April“ noch im Kopf zu haben meinte, die aber gar nicht drinsteht. Da wurde dann auch im Publikum schon geschmunzelt bis gekichert. Generell erging sich der Moderator für meine Verhältnisse ein wenig zu viel in Interpretationen und Analysen des Buches, auch wenn ich einige Fragen (Wieso ist der Roman im Präsens geschrieben? Woher der Name „April“? usw.) doch sehr spannend fand. Allerdings hätte die Autorin schon ein wenig mehr zu Wort kommen dürfen. Sie schien wenig Interesse daran zu haben, ihr eigenes Werk auseinanderzupflücken, berichtete aber doch Interessantes, z. B., dass sie ihre Texte 50-100 Mal überarbeitet, bis am Ende eine sehr verdichtete Sprache herauskommt. „Beim ersten Entwurf neige ich zum Kitsch“ war eins der schönen Zitate, die ich mir gemerkt habe. Auch ihr Wunsch, noch einen dritten Band zu schreiben, damit die Gesamtausgabe im Schuber erscheinen kann, fand ich sehr liebenswert.

Die vorgelesenen Passagen von „April“ haben mir jedenfalls gut gefallen. Wirklich eine ganz schnörkellose, dichte und irgendwie kühle Sprache, die aber trotzdem zur Folge hatte, dass ich die beschriebenen Szenen sofort vor Augen hatte. Da das Buch nun gerade erst erschienen ist und das Hardcover noch relativ teuer ist, habe ich soeben erstmal „Das Mädchen“ bestellt und bin sehr gespannt drauf.

Nach der Lesung war nur kurz Gelegenheit, Isa zu treffen und sich bei ihr für die Karten zu bedanken. Ich bin immer ein bisschen nervös, wenn ich Leute treffe, deren Blog ich so gerne lese und die meiner Meinung nach so viel schlaue Sachen da reinschreiben, aber sie war supernett (ihr Mann auch) und wir haben uns noch kurz über die Lesung unterhalten, ehe dann alle wieder nach Hause aufbrachen. Der Herr Mitbewohner und ich machten noch einen kurzen Abstecher an die Alster und bewunderten kurz den Ausblick aufs nächtliche Hamburg, dann ging es über einen kleinen Umweg über die Wandelhalle (zwecks spätabendlichem Stop bei PizzaHut) wieder heim, wo schon die sehr empörte Katze ihr viel zu lange abwesendes Personal begrüßte.

Also. Schön wars. Das würde ich auf jeden Fall gerne mal wieder machen.

Ein Kommentar

Eingeordnet unter Bücher, blabla, Uncategorized