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Lesung: George Martin in Hamburg

Ich wurde gebeten zu bloggen – und wenn das schon mal vorkommt, kann ich das natürlich nicht abschlagen 😉 .

Gestern also war George R. R. Martin in Hamburg. Ja, DER George Martin, der Autor der Buchreihe „A Song of Ice and Fire“, auf dem die inzwischen wohl auch jedem Nicht-Nerd bekannte Serie „Game of Thrones“ basiert. Dass er überhaupt nach Deutschland kommt, ist schon einigermaßen sensationell, dann auch noch nach Hamburg ins CCH (Congress-Centrum Hamburg), also grad mal eine Bahnfahrt von 20 Minuten entfernt … da gab es nun wahrlich keinen Grund, nicht hinzugehen. Zumal die Karten auch nicht teuer waren (30 Euro für die teuerste Kategorie, was im Vergleich zu anderen Möglichkeiten, GRRM zu sehen, vermutlich spottbillig ist) und der Termin auch passte. Gut, ich musste am Sonntag das Haus verlassen, das ist eigentlich nie gut, aber für so ein Event macht man das dann schon mal *g*.

Um 18.30 schlugen also der Mitbewohner und ich am Bahnhof Dammtor auf, marschierten zum CCH rüber und trafen dann, während wir uns noch fragten, wie viele der Besucher wir wohl thereotisch kennen müssten, erstmal auf Mike Krzywik-Groß, mit dem wir uns noch kurz nett unterhalten haben, ehe es dann losging. Vermutlich waren auch noch 20 andere Leute da, die ich zumindest irgendwoher aus diesem großen Internet gekannt hätte, aber es ergab sich nicht, noch jemanden zu treffen.

Dann hieß es erstmal ne Weile Schlange stehen, wir zeigten die Tickets vor, erhielten dafür ein Armbändchen (was ich für eine 2-stündige Veranstaltung ohne Pause seltsam fand, es hatte aber noch einen tieferen Sinn, dazu später mehr) und konnten dann rein. Vor dem Saal gab es einen Verkaufsstand mit diversen Büchern, vor allem natürlich „Das Lied von Eis und Feuer“ im Original und auf deutsch und in verschiedenen Varianten. Außerdem ist wohl der „The World of Ice and Fire“-Band inzwischen übersetzt worden und unter dem Titel „Westeros: Die Welt von Eis und Feuer“ erhältlich. Das Buch fehlt mir ja noch und hätten sie das auf englisch da gehabt, hätt ich es vielleicht mitgenommen, aber sie hatten leider nur die Übersetzung da. Also wurde kein Geld ausgegeben. Viel spannender als der Verkaufsstand war aber der Iron Throne. Ja, sie hatten coolerweise tatsächlich einen hübschen Plastik-Iron-Throne aufgestellt, auf den man sich raufsetzen und ein Foto machen konnte. Sehr cool. Und sympathischerweise auch ohne irgendwelche zusätzlichen Kosten oder „Fotos nur vom Fotografen und gegen Geld“-Scheiß.

Kurz vor 19 Uhr hatten wir dann unsere Plätze erreicht, die auch ziemlich gut waren. Reihe 26, genau in der Mitte – das war jetzt nicht ganz dicht an der Bühne, aber halt auch nicht sonstwo. Und es gab ohnehin eine große Leindwand, auf die alles übertragen wurden, so dass man vermutlich auch von der letzten Reihe aus gut gesehen hat. Der Saal war auch so gut wie voll, es sollen irgendwas zwischen 2000 und 3000 Leuten dagewesen sein. Bevor es losging, gab es noch ein bisschen Action, als sich rausstellte, dass Sibel Kekilli auch da war und dann erstmal diverse Leute nach vorn stürmten, um ein Foto mit ihr zu machen. (Ich wäre von meinem Sitz aus ja eh nicht so schnell rausgekommen, insofern wars ganz gut, dass es nun gerade die einzige GoT-Schauspielerin war, bei der ich nicht traurig drum war, die Gelegenheit nicht zu kriegen.)

Und dann gings los!

Geführt wurde das Gespräch von Denis Scheck, der GRRM bereits einmal interviewt hatte. Der ist ja Literaturkritiker und ein Zusammentreffen von Autoren und Literaturkritikern muss nicht immer gut laufen (wenn ich da so an eine gewisse Lesung im Literaturhaus denke…), allerdings scheint er wirklich ein Fan von GRRM und generell von Fantasy und SciFi zu sein und war ausgesprochen gut vorbereitet und informiert. Ab und zu hatte er etwas Fremdschämpotenzial, z. B., als er GRRM fragte, ob er denn statt Fantasy nicht auch hätte über „erektile Dysfunktion und Mehrwerststeuer“ schreiben können, denn das seien ja die Themen der Mainstreamliteratur (Zefuq?). Und bei der Übersetzung der Antworten hat er öfter mal noch Dinge hinzugefügt oder hineininterpretiert, die so gar nicht gesagt wurden. Denn jaaaah, es musste natürlich wieder mal jede Antwort anschließend übersetzt werden. Und wieder war es meiner Ansicht nach komplett überflüssig, denn wenn bei jedem Witz von GRRM der ganze Saal lacht und bei der Übersetzung keiner mehr, dann hatten es wohl alle schon verstanden. So zumindest kam es bei mir an. Der Mitbewohner meinte nachher, sein Sitznachbar hätte zu seinem Begleiter öfter gesagt, dass er dem Gespräch nicht ganz folgen könne, insofern war es vielleicht doch nicht ganz falsch. Mich persönlich nervt es immer, dass dafür so viel Zeit verschwendet wird, in der man auch noch bestimmt 3-4 weitere Fragen hätte stellen können. Aber sei es drum. Die Übersetzung hat Herr Scheck dann bis auf die obigen Kritikpunkte super gemacht, das waren quasi druckreife Sätze, die er da aus dem Stegreif formulierte. Das war wirklich bemerkenswert.

Das Gespräch an sich war dann wirklich gut. Okay, ich fand es etwas seltsam, dass es wirklich gar keine inhaltlichen Fragen zu den Büchern gab. Dass nicht über die kommenden Bände spekuliert oder GRRM mit wilden Fantheorien bombardiert wurde, war ja super, und über die Serie redet er ja grundsätzlich nicht. Aber ich hätte tatsächlich erwartet, dass zumindest ein Teil des Gesprächs sich schon um ASoIaF oder z. B. den neuen Westeros-Band dreht. War aber gar nicht so. Andererseits – solche Fragen wurden in anderen Interviews natürlich schon 1000 Mal gestellt. Und hier gab es wirklich mal einige neue Fragen, die ich so noch nicht gehört hatte. Auch das Überleiten zu verschiedenen Themen war gut gemacht, das Gespräch wirkte sehr natürlich und es kam – bis auf die Stelle mit den angeblichen Themen der Mainstream-Literatur – auch nie zu irgendwelchen Peinlichkeiten.

Ich werde jetzt nicht das ganze Gespräch wiedergeben, einfach mal ein paar Highlights, an die ich mich noch erinnern kann:

  • Schön fand ich, wie GRRM meinte, dass die Nerds und Fantasyliebhaber, SciFi-Freaks usw., die in seiner Jugend noch totale Außenseiter waren, inzwischen so sehr akzeptiert würden und längst im Mainstream angekommen wären. „And now we rule the world“, sagte er wörtlich, und bei der Allgegenwärtigkeit von Game of Thrones in den Medien und der Popkultur bin ich geneigt, ihm recht zu geben.
  • Großartig war die Geschichte über GRRMs Vater, der aus dem 2. Weltkrieg mit 10.000 Dollar und einem großen Saphir zurückkehrte – keine Kriegsbeute, sondern alles beim Würfeln gewonnen. Von dem Geld hat der Vater dann so lange gelebt, bis alles ausgegeben war, erst danach suchte er sich einen Job und lernte da GRRMs Mutter kennen. Die meinte dann immer scherzhaft, sie hätte ihn ja gerne mal gekannt, als er noch viel Geld hatte. Aber immerhin – den Saphir ließ er dann für sie in den Hochzeitsring einfassen. Aaaw. 🙂
  • Auf die Frage, wie das Leben sich denn verändert hat, seit er so viel Geld mit den Büchern verdient hat, antwortete er zunächst ganz trocken „Well, I have more money.“, erzählte dann aber auch, dass er an sich gar nicht so anders lebe als in den Achtzigern. Er wohnt sogar noch im selben Haus, hat allerdings noch ein zweites als Büro dazugekauft. Danach wurde er dann etwas nachdenklich und erzählte, dass er es ja eigentlich schön findet, dass er so bekannt und beliebt ist, aber obwohl fast alle Fans supernett sind, er doch manchmal sehr genervt davon ist, dass er nicht mal in Ruhe irgendwo essen gehen kann, ohne Autogramme geben zu müssen oder Selfies zu machen. (Kann ich auch sehr gut nachvollziehen.)
  • Wieso er denn so fasziniert von Drachen sei, fragte Herr Scheck dann. Darauf antwortete er schlicht: „Dragons are cool!“. Und dass er als Kind immer mit Dinosaurierfiguren gespielt hätte, und die schon cool gefunden hätte, aber Drachen wären ja quasi Dinosaurier, die noch fliegen und Feuer spucken können, „which increases the coolness factor.“
  • Besonders schön fand ich, wie er darüber sprach, dass Literatur bzw. Kunst allgemein durchaus die Welt verändern kann, und zwar nicht durch irgendwelche oberlehrerhaften Bevormundungen, sondern einfach dadurch, dass Dinge ganz natürlich eingebaut und thematisiert werden. Als Beispiel führte er Serien wie „Will & Grace“ an, die dazu geführt haben, dass die Akzeptanz von homosexuellen Paaren viel größer geworden ist und letztlich auch dazu führte, dass auch homosexuellen Paaren die Ehe ermöglicht wurde/wird. Außerdem sagte er, er habe in seiner Jugend immer SciFi-Literatur gelesen, in der von den Menschen nie als „die Afrikaner, die Deutschen, die Amerikaner“ gesprochen wurde, sondern immer von „Earthlings“ und dass das bei ihm den Wunsch hervorgerufen hätte, dass Differenzen zwischen den Nationen wirklich einmal beigelegt werden könnten.
  • In diesem Zusammenhang sagte er auch, dass er manchmal das Gefühl hatte, in der falschen Zukunft gelandet zu sein. Er hätte sich die Zukunft gewünscht, in der es keinen Terrorismus, keine Erderwärmung und dergleichen gibt, dafür aber Kolonien auf dem Mars, Jetpacks und fliegende Autos. Er hätte sich auch in den 50-ern nie vorstellen können, dass jemals das Raumfahrtprogramm so stark eingestellt wird und man nicht mehr versucht, immer neue Entdeckungen im Weltall zu machen.
  • Angesprochen auf den Ausspruch „You can keep your heaven, when I die I wanna go to Middle-Earth“, den er in der Vergangenheit getätigt hat, sagte er, dass er in der Tat zwar katholisch aufgewachsen sei, mit dem Konzept eines Gottes aber nie viel anfangen konnte, auch wenn das Leben dann manchmal leichter wäre. „The universe is a wonderful and amazing place, but I believe it is all we have.“
  • Und falls ihr noch nicht wusstet, was GRRM in seiner Jugend so tat: Auf dem College konnte er im Gegensatz zu seinen Kommilitonen nicht im Sommer nach Europa fliegen, sondern musste arbeiten. Sein Sommerjob bestand darin, in einem Vergnügungspark ein Fahrgeschäft namens „Tubs of fun“ zu bedienen.

Es gab noch mehr interessante Dinge, die er gesagt hat, aber ich krieg es nicht mehr alles zusammen. Insgesamt fand ich die Fragen wirklich gut gewählt, weil sie eben nicht lauter Dinge wiederkäuten, die er schon 87 Mal gefragt worden war. Und die Antworten waren auch sehr interessant und teilweise witzig. Im Großen und Ganzen wirkte GRRM auf mich sehr sympathisch, und sehr viele Dinge, die er gesagt hat, würde ich so unterschreiben.

Dann wurde natürlich noch gelesen! War schon fast etwas seltsam, dass nach 90 Minuten komplett nicht auf ASoIaF bezogenere Fragen dann doch daraus gelesen wurde, aber ich will mich nicht beschweren. Und es gab sogar ein Kapitel aus „The Winds of Winter“, dem noch nicht fertigen 6. Band. Ob das jetzt schon jemals woanders gelesen wurde oder gar im Internet steht, weiß ich ehrlich gesagt nicht. Ich suche nicht aktiv nach irgendwelchen Vorab-Kapiteln, weil ich lieber das Buch am Stück lesen will, wenn es denn fertig wird.

So, Achtung, ich spoiler jetzt hier mal ein wenig aus Buch 5 und nein, Buch 5 meint nicht Staffel 5 der Serie 😉 .

Es war ein Arianne-Kapitel. Lustigerweise war das für Leute, die nur die Serie kennen, vermutlich maximalst verwirrend. Arianne wer? Quentyn wer? Jon Connington wer? Aegon?? GRRM meinte auch, er entschuldige sich bei allen, die das Kapitel nicht so recht verstehen würden, denn es drehe sich um lauter Leute, die es nicht in die Serie geschafft hätten. (Inwieweit das jetzt ein Statement war, ausgerechnet dieses Kapitel zu lesen, vermag ich nicht zu erraten. Mich hat es jedenfalls gefreut.)

Das Kapitel an sich war dann gar nicht sooooo superspannend, es geht halt darum, dass Arianne Martell von ihrem Vater Doran beauftragt wird, nach Griffin’s Roost zu reisen und dort Jon Connigton und Aegon zu treffen. Sie soll rausfinden, ob Aegon wirklich existiert und gegebenenfalls dann halt den Truppen der Martells befehlen, zusammen mit Connigtons Söldnern in den Krieg zu ziehen. Wobei sie das eigentlich nur machen soll, wenn sie wenigstens einen Drachen dabei haben. Und natürlich will sie herausfinden, ob Quentyn erfolgreich war und Dany geheiratet hat (ahahaha…) und wieso man nichts von ihm hört. Ansonsten erfährt man noch ein paar Dinge darüber, wie es in Dorne nach dem missglückten Putschversuch mit Myrcella weiterging. Das Kapitel war interessant und gewohnt gut geschrieben, wirkte aber wie eins vom Anfang des Buches. Könnte gut das allererste Arianne-Kapitel aus Buch 6 sein. Also gab es logischerweise noch keine entscheidenden Wendungen und sowas.

Nach der Lesung gab es noch 5 Minuten Geplänkel und Verabschiedung, reichlich Applaus und dann war die Veranstaltung nach 2 Stunden auch schon wieder vorbei. Achja: Wie zu erwarten war, gab es keine Autogrammstunde. War auch logisch, bei 3000 Besuchern hätte der arme Mann ja bis nachts um 4 signieren müssen. Stattdessen kamen nun wieder die Armbänder ins Spiel – diese wurden per Zufallsprinzip verteilt und wer ein graues Armband hatte, hatte einen signierten Westeros-Band gewonnen. Leider war mein Armband grün. Man hätte nun noch am Stand versuchen können, ob es noch ein signiertes Exemplar zu kaufen gibt, weil es mehr signierte Exemplare als Bändchen gab, aber das wäre bestimmt arschteuer gewesen und dann ausgerechnet in einem Buch, was ich in der Form gar nicht haben wollte. Deswegen hab ich es auch gar nicht erst versucht.

Aber an die Schlange für den Iron Throne haben wir uns dann doch noch gestellt und Bilder gemacht. Musste natürlich fix gehen, da hinter uns noch 100 andere Leute drankommen wollten, deswegen ist das Bild so semi-schön und wird daher auch nicht hier veröffentlicht 😉 .

Beim Rausgehen hätten wir beinahe fast noch die Möglichkeit gehabt, für das NDR-Radio was zur Veranstaltung zu sagen, aber noch ehe ich registriert hatte, was der Mensch eigentlich wollte, hatte der Herr Mitbewohner ihn schon mit „Nein!“ abgewiesen und war vorbeigestürmt. Well.

Danach gab es am Gänsemarkt noch eine Pizza beim Ponti, wo ich mich darüber amüsierte, dass die vier Mädels am Nebentisch auch bei der Lesung waren und über Buchdinge rätselten (die im Buch aufgeklärt werden und die ich ihnen hätte erklären können, aber erstens stürmt man ja nicht unbedingt an fremder Menschen Tische und zweitens wurden sie mir dann nicht unbedingt sympathischer, als sie meinten, GRRM hätte ja mal weniger labern und dafür noch ne Stunde signieren können).

Und das wars dann. Insgesamt ne gelungene Sache, hat mich sehr gefreut, George Martin mal live erleben zu können. Klar war das jetzt in einem sehr großen Rahmen und nicht so cool wie Neil Gaiman im Literaturhaus, wo man sich nachher noch ein Autogramm holen konnte. Aber hey:  Innerhalb von nicht mal einem Jahr hatte ich die Möglichkeit, zwei meiner absoluten Lieblingsautoren live zu sehen und lesen zu hören. A girl considers herself lucky.

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Lesung: Neil Gaiman in Hamburg

Eigentlich bin ich ja immer ganz froh über meine kleine Internetwelt, in der ich mich so bewege. Aber selten habe ich mich mehr darüber gefreut als neulich, als ich zufällig per Twitter darüber stolperte, dass Neil Gaiman für eine Lesung nach Hamburg kommt. Neil Gaiman. Nach Hamburg. Hierher. In meine Stadt. Wo ich hinfahren kann. Um Neil Gaiman zu sehen. Neil fucking Gaiman, Alter!!

Ich kaufte also instantan ein Ticket beim Literaturhaus. (Und ärgerte mich mal wieder darüber, dass man 2 Euro MEHR bezahlt, wenn man das Dingen per E-Mail erhält und selber auf dem eigenen Drucker ausdruckt. Das regt mich beim Kino schon immer so auf. Weniger Arbeit und weniger Materialverbrauch für die, mehr Kosten für mich. Zefuq?) Und das war auch ganz gut so, denn als der Herr Mitbewohner kurz vor der Lesung nochmal guckte, ob es noch Karten gibt, war die Lesung restlos ausverkauft. Alleine musste ich trotzdem nicht hin, denn eine Bekannte reiste extra aus Osnabrück an, weil sie Herrn Gaiman auch nicht verpassen wollte.

Gestern war es dann also soweit. Nach einer etwas chaotischen Anreise mit verlegter Bushaltestelle und lustigem Mit-Navi-durch-die-Straßen-rennen stolperten wir dann so 15 Minuten vor Beginn der Lesungs ins Literaturhaus. Da war ich, wir erinnern uns, dieses Jahr schon mal. Damals war es auch mit etwa 30 Leuten im Publikum nicht schlecht besucht – gestern war es voll. Brechend voll. So voll, dass ich am Anfang dachte, keinen Sitzplatz mehr zu kriegen. Zum Glück wurden wir von einer freundlichen Mitarbeiterin doch noch auf die ungefähr letzten 2 freien Plätze gelotst. Wobei nach uns immer noch mehr Leute zur Tür reinkamen, aber die hatten vielleicht schon einen Sitzplatz ergattert.

Die Lesung stellte das „neue“ Buch von Neil Gaiman vor. In Anführungsstrichen deswegen, weil The Ocean at the End of the Lane schon länger erschienen ist, neu herausgekommen ist jetzt nur die deutsche Übersetzung. Und die wurde auch promotet, so dass der größere Teil der vorgelesenen Texte aus der Übersetzung stammte. Gelesen wurde von Gerd Köster, der das auch super gemacht hat. Auch die Übersetzung erschien mir, so man das aus 2 vorgelesenen Kapiteln beurteilen kann, recht gut gelungen zu sein.

Zum Glück gab es aber auch einige vorgelesene Passagen aus der Originalversion, gelesen von Neil himself. Was natürlich toll war, weil er auch großartig vorlesen kann. Ich habe das Buch noch gar nicht gelesen, werde das jetzt aber fix nachholen. Ich bin schon sehr gespannt. Zum Glück wurden auch die ersten beiden Kapitel gelesen, so dass nicht viel vom Inhalt vorweggenommen wurde.

Durch den Abend geführt hat Felicitas von Lovenberg, die – was sehr putzig war – genauso ein großes Fangirl ist wie alle anderen im Raum es waren. So wurden dann diverse Fragen zum Roman gestellt und von Herrn Gaiman beantwortet. Und das war unglaublich interessant. Ich hätte da noch locker weitere drei Stunden zuhören können. Faszinierenderweise redet Neil Gaiman fast, wie er schreibt – ganz locker, ganz unverschnörkelt und mit großartigen Pointen. Der ganze Saal hat ständig laut gelacht. Zum Beispiel die Tatsache, dass der Roman eigentlich nur eine Kurzgeschichte als Geschenk an seine Frau werden sollte, die dann zu einem Roman mutierte („and then I called my agent and told him I have written a novel no one ever asked for“), Erinnerungen an seine Kindheit („Only when I was a father myself I realized that I had been a strange child“), in der er im Alten von 7 Jahren sein Bücherregal alphabetisch sortiert hatte, und an die Orte, an denen er aufgewachsen war. Oder wie er vor 5 Jahren von seinem Vater hörte, dass sich in dessen Auto mal sein Untermieter umgebracht hatte und er, statt Mitgefühl zu haben, als erstes dachte: „So something interesting happened during my childhood and NO ONE TOLD ME??“ (diese Geschichte findet sich dann auch im Roman wieder). Es ging auch noch um die Sprache im Roman, um ein 1000 Jahre altes Farmhaus, eine lachende Matrosenfigur und vieles mehr. Man kann es gar nicht alles wiedergeben, es waren einfach ganz viele tolle Details, die da erzählt wurden. Und das alles natürlich in diesem wunderbaren britischen Akzent. Hach.

Das einzig Störende an der ganzen Sache war, dass Frau von Lovenberg nicht nur als Moderatorin, sondern auch als Dolmetscherin dabei war. Sprich, nach jedem Frage-Antwort-Abtausch wurde von ihr nochmal auf Deutsch alles zusammengefasst, was da eben gesagt wurde. Das hat sie auch super gemacht, allein: Es war komplett unnötig. Man hat an der Reaktion des Publikums (Lachen etc. ) deutlich gemerkt, dass gefühlt ALLE im Raum genug Englisch konnten, um Herrn Gaiman zu verstehen. Vielleicht waren es auch nur 99%, aber irgendwie kam halt nie ein Lacher oder eine Reaktion, wenn alles nochmal auf Deutsch vorgetragen wurde, weil es wohl alle schon beim ersten Mal verstanden hatten. Das war halt vor allem deshalb ärgerlich, weil man in der Zeit noch viel mehr interessante Fragen hätte stellen dürfen.

Nach ungefähr 2 Stunden endete dann die Lesung und es gab noch die Möglichkeit, sich ein Buch signieren zu lassen. Das wollten auch 90 % der Anwesenden, so dass wir dann erstmal eine Weile in einer Schlange herumstehen durften, was aber durch nette Unterhaltungen nicht weiter wild war. Tja, und dann war es so weit, einmal Herrn Gaiman hallo sagen, eine Unterschrift in meine Ausgabe von Smoke and Mirrors bekommen, nach einem Foto zu fragen hab ich mich auch getraut – hat er auch gemacht, leider sehe ich drauf aus wie ein debil grinsender Vollmond mit Doppelkinn, ABER EGAL. Im Nachhinein wünschte ich natürlich, ich hätte irgendwas Intelligentes gesagt. Aber ach, wann fällt einem das schon ein.

Es war jedenfalls eine gelungene Veranstaltung, es war super, dabeisein zu können und es wird sicherlich eins der Highlights der Jahres für mich bleiben.

Tl; dr: I SAW NEIL GAIMAN AND IT WAS AWESOME! 🙂

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April, April

Gestern begab es sich also, dass ich zum ersten Mal in meinem Leben auf einer Lesung war. Jaaah, wirklich zum ersten Mal. Warum, weiß ich selber nicht so richtig. Nun war es aber soweit und das kam so: Isabel Bogdan, deren Blog ich seit langem begeistert verfolge, verloste Karten für die gestrige Lestung im Literaturhaus. Ich beteiligte mich also an dem Gewinnspiel und gewann tatsächlich 2 Karten (worüber ich mich, da ich noch nie irgendwas gewonnen habe, sehr gefreut habe) und ging dann also mit dem Herrn Mitbewohner gestern hin. Angelika Klüssendorf las aus ihrem neuen Roman „April“, der – wenn ich gestern richtig zugehört habe – heute erscheint. Nun ist es ja so, dass ich bei aller Lesefreude und Bücherregalanbaubedarf nicht so wirklich Ahnung davon habe, wer gerade literarisch was tut, wer angesagt ist und über wen die Presse schreibt. Bücher finde ich entweder über Empfehlungen von Freunden, im Forum (TM) oder in diversen Blogs (wie z. B. dem von Isa), manchmal auch über die Amazon-Empfehlungen. Dann gibts natürlich die Autoren, die ich so gut finde, dass ich nach und nach alles von ihnen lesen möchte. Allerdings haben irgendwelche Literaturpreise und dergleichen eher selten Einfluss auf meine Buchwahl. So habe ich dann auch erst bei der Lesung festgestellt, dass Frau Klüssendorf schon mehrere Roman und Sammlungen mit Erzählungen veröffentlicht hat. Wuppala.

„April“ jedenfalls ist der Titel des Romanes und der Name, den sich die Protagonistin selbst gegeben hat. Es gibt einen 2011 erschienenen Roman, „Das Mädchen“, in dem die Kindheit jener Protagonistin erzählt wird – laut Aussage der Autorin gestern soll man die Bücher aber auch getrennt voneinander lesen können. So ganz grob gesagt geht es in den beiden Büchern eben um jenes Mädchen, dass in der DDR aufwächst, eine schrecklicke Kindheit mit gewalttätigiger Familie und Kinderheim erlebt und sich dann, im zweiten Buch, als junge Erwachsene durchs Leben schlägt. Nun hab ich (noch) keines der beiden Bücher gelesen und verweise daher einfach mal auf Isas Blog, in dem sie „Das Mädchen“ und „April“ rezensiert hat. Genauso wie ihre Figur kommt auch Angelika Klüssendorf aus der ehemaligen DDR und die Geschichte ist wohl zumindest zu Teilen autobiographisch. So etwas finde ich meistens spannend und mit „Krokodil im Nacken“ von Klaus Kordon und „Goldener Reiter“ von Michael Weins habe ich Ende letzten Jahres schon zwei Romane in die Richtung gelesen. Wenn ich jetzt so drüber nachdenke, glaube ich sogar, dass ich auf beide ebenfalls über Isas Blog gestolpert bin *g*.

Gestern Abend jedenfalls, um mal zur Lesung zurückzukommen, betrat ich dann also zum ersten Mal das Literaturhaus in Hamburg. Allein für die Optik hat sich der Besuch ja schon gelohnt – nachdem man erstmal in einer kleinen Bar noch etwas zu Trinken erwerben kann, kommt man dann für die Lesung in einen absolut umwerfenden Saal, so richtig mit riesigen Kronenleuchtern, kleinen Engelchen an der Decke, Stuck, Säulen, tralala. Wirklich sehr schön. Ein Teil von mir wollte gleich zurück zur Kasse laufen und nachfragen, ob man den Saal nicht vielleicht mieten kann und dann darin irgendein historisches Tanz-Event oder sowas organiseren. Ich konnt mich dann aber noch beherrschen. Und dann ging es auch los. Neben der Autorin selbst war auch ein Moderator anwesend, der Frau Klüssendorf vorab und zwischendrin zu „April“ und anderen Büchern befragte. Dann wurde zwei mal gelesen und am Ende gab es auch noch ein paar Minuten Gespräch mit der Möglichkeit, selbst Fragen zu stellen. Nun schien es mir so zu sein, dass der Moderator und die Autorin irgendwie nicht so ganz miteinander kompatibel waren. Es ging schon damit los, dass er erzählte, dass das „Mädchen“ ja schon in anderen, früheren Erzählungen aufgetaucht sei, was sie sofort verneinte. Auch im weiteren Gespräch kam es manchmal zu Missverständnissen – das lustigste war eine Szene, die er aus „April“ noch im Kopf zu haben meinte, die aber gar nicht drinsteht. Da wurde dann auch im Publikum schon geschmunzelt bis gekichert. Generell erging sich der Moderator für meine Verhältnisse ein wenig zu viel in Interpretationen und Analysen des Buches, auch wenn ich einige Fragen (Wieso ist der Roman im Präsens geschrieben? Woher der Name „April“? usw.) doch sehr spannend fand. Allerdings hätte die Autorin schon ein wenig mehr zu Wort kommen dürfen. Sie schien wenig Interesse daran zu haben, ihr eigenes Werk auseinanderzupflücken, berichtete aber doch Interessantes, z. B., dass sie ihre Texte 50-100 Mal überarbeitet, bis am Ende eine sehr verdichtete Sprache herauskommt. „Beim ersten Entwurf neige ich zum Kitsch“ war eins der schönen Zitate, die ich mir gemerkt habe. Auch ihr Wunsch, noch einen dritten Band zu schreiben, damit die Gesamtausgabe im Schuber erscheinen kann, fand ich sehr liebenswert.

Die vorgelesenen Passagen von „April“ haben mir jedenfalls gut gefallen. Wirklich eine ganz schnörkellose, dichte und irgendwie kühle Sprache, die aber trotzdem zur Folge hatte, dass ich die beschriebenen Szenen sofort vor Augen hatte. Da das Buch nun gerade erst erschienen ist und das Hardcover noch relativ teuer ist, habe ich soeben erstmal „Das Mädchen“ bestellt und bin sehr gespannt drauf.

Nach der Lesung war nur kurz Gelegenheit, Isa zu treffen und sich bei ihr für die Karten zu bedanken. Ich bin immer ein bisschen nervös, wenn ich Leute treffe, deren Blog ich so gerne lese und die meiner Meinung nach so viel schlaue Sachen da reinschreiben, aber sie war supernett (ihr Mann auch) und wir haben uns noch kurz über die Lesung unterhalten, ehe dann alle wieder nach Hause aufbrachen. Der Herr Mitbewohner und ich machten noch einen kurzen Abstecher an die Alster und bewunderten kurz den Ausblick aufs nächtliche Hamburg, dann ging es über einen kleinen Umweg über die Wandelhalle (zwecks spätabendlichem Stop bei PizzaHut) wieder heim, wo schon die sehr empörte Katze ihr viel zu lange abwesendes Personal begrüßte.

Also. Schön wars. Das würde ich auf jeden Fall gerne mal wieder machen.

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