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Rezension: „Die Pestflamme“ von Judith C. Vogt

Die PestflammeJudith Vogt und die Eifel, das gehört ja irgendwie zusammen. Nachdem sich schon die Protagonisten ihrer „Geister des Landes“-Reihe mit den lokalen Sagengestalten herumschlagen mussten, führt die Novelle „Die Pestflamme“ jetzt in die Vergangenheit ebenjenen Landstrichs. Es geht, big surprise, um die Pest. Die kommt auf die Kasselburg und rafft die Verlobte des Türmers Laurenz dahin, der daraufhin das Türmen aufgibt und ziellos durch die Lande zieht. Ich finde es im Übrigen sehr schön, dass Laurenz ausgerechnet ein Türmer ist, er hätte ja auch Bauer, Fuhrknecht,  Schneider oder Fischer sein können. Aber ein Türmer, das gibt es ja heute nicht mehr und das ist auch ein bisschen unbegreiflich, dass es wirklich mal Leute gab, die hauptberuflich auf Türmen rumhingen und die Umgebung im Auge behielten. Jedenfalls treffen Ex-Türmer Laurenz und sein namensinkonsistentes Pferd Jann-Peter-Theodor-Jockel (Yo-Saff-Bridge lässt grüßen) schließlich auf Heinrich. Dieser ist ein reisender Adliger mit düsterer Ausstrahlung und zunächst unbekannter Vergangenheit. Und wäre Laurenz eine Laurenzia und die Pestflamme keine historische Novelle, sondern ein Mittelalter-Liebesschinken, so verlöre die liebreizende Laurenzia, die dann aber nicht Türmerin, sondern …. sagen wir mal, Hebamme, wäre, natürlich ihr Herz an ihn. Doch zum Glück bleibt uns das allen erspart und unsere beiden Protagonisten nun also zu zweit durch die Lande, was an sich ja ganz vergnüglich wäre, würde die Pest ihnen nicht auf dem Fuße folgen. In fast allen Orten, in denen sie Halt machen, bricht die Pest aus und Laurenz, der ja seine Geliebte durch sie verloren hat, sagt der Krankheit quasi persönlich den Kampf an. Immer wieder stellt er bestimmte Phänomene fest, durch die die Pest sich verbreitet: Eine blaue Flamme (die namensgebende Pestflamme), Mäuse, falsch bestattete Leichen … und immer wieder fällt ihm ein Weg ein, die Pest durch Bekämpfung dieser Vorkommnisse zurückzuschlagen. Seine Erkenntnisse verarbeitet Laurenz zu Liedern und Gedichten, die er auf seinen Reisen vorträgt, um so die Pestausbrüche möglichst früh zu verhindern. Währenddessen findet er langsam mehr über seinen mysteriösen Begleiter Heinrich heraus, der vor seiner tragischen Vergangenheit davonläuft. Gegen Ende der Geschichte finden sich Laurenz und Heinrich auf Burg Nideggen ein, es gibt einen Maskenball und, wie das auf Maskenbällen so ist, zahlreiche Enthüllungen. Aber über die verrate ich jetzt nichts, dazu müsst ihr euch das Buch schon selber kaufen.

„Die Pestflamme“ ist, ich erwähnte es ja bereits, eine Novelle. Und das finde ich ziemlich großartig, da, soweit es mir bekannt ist, es recht schwer ist, in Deutschland etwas Gedrucktes zu veröffentlichen, was nicht Zeitung/Zeitschrift oder Roman ist. Nun hätte man natürlich auch auf ein Buch mit knapp 150 Seiten Roman draufschreiben können, ich habe schon kürzere Romane gelesen, aber der Verlag steht hier zur Novelle und das finde ich prima. Außerdem hat er das Titelbild von der großartigen Mia Steingräber zeichnen lassen, was ich natürlich auch nur begrüßen kann. Das Cover zeigt den mysteriösen Heinrich in düsterer Klamotte, im Hintergrund eine Burg und herbstlichen Wald – und das ist auch ungefähr so die Stimmung, die das Buch vermittelt. Es ist alles sehr barock, überall Pest, Krieg und Tod (und vermutlich auch Hunger, wir wollen hier ja keinen apokalyptischen Reiter diskriminieren), und mittendrin die beiden Hauptfiguren, die ziellos durch das Land streifen. Die Beziehung der beiden zueinander hat mir gut gefallen. Sie tun sich am Anfang eher aus Zweckgründen zusammen, schließen aber dann doch so etwas wie Freundschaft, die, wie sich am Ende zeigt, doch recht tiefgreifend ist. Außerdem war ich als Leser, genau wie Laurenz als Erzähler, doch recht neugierig, was es mit Heinrich denn nun auf sich hat. Die Auflösung des Ganzen gefällt mir, denn sie war weder ab Seite 10 klar noch kam sie irgendwie wie mit dem Holzhammer, weil es keine Hinweise darauf gab. Auch die Gedichte von Laurenz haben mir gefallen, zumal auch immer wieder darauf eingegangen wird, wie er daran arbeitet, welche Versformen er verwendet und wie er zum Teil auch mit seiner Dichtung hadert. Und mit den wechselnden Namen des Pferdes und Heinrichs spöttischen Bemerkungen ist auch die ein oder andere witzige Stelle drin. Das Ende – nein, ich verrate es immer noch nicht – fand ich auch sehr gut. Gut, wer mich kennt, mag nun ahnen, dass ein Ende, das mir gefällt, nicht darin besteht, dass Heinrich und Laurenz zwei pestkranke Frösche küssen, die sich dann in wunderschöne Prinzessinnen verwandeln, mit denen sie gemeinsam in den Sonnenuntergang reiten.

Einzig die Figur von Laurenz ist halt so ein wenig blass. Er liebt seine verstorbene Geliebte, mag Gedichte und kämpft entschlossen gegen die Pest, sehr viel mehr erfährt man aber nicht über ihn, obwohl aus seiner Perspektive erzählt wird. Heinrich ist demgegenüber die interessantere Figur, was mit Sicherheit auch so beabsichtigt ist. Trotzdem ist Laurenz nicht nur Erzählfigur, sondern in der Geschichte schon auch zentral wichtig, insofern hätte ein bisschen mehr über seine Interessen oder Vorlieben, Abneigungen oder seine Vergangenheit schon nicht schaden können. Aber so ein Ich-Erzähler sollte natürlich auch nicht ständig über sein eigenes Leben rumdenken, nur damit der Leser das erfährt. Ach, schwierig.

Die Eifel als Schauplatz hat mir wieder gut gefallen, ich weiß jetzt vermutlich mehr über lokale Sagen der Eifel als über die aus Hamburg oder dem Erzgebirge. Wie auch schon bei den Geistern des Landes ist es vermutlich noch cooler, das Buch zu lesen, wenn man die beschriebenen Orte kennt, aber sie nicht zu kennen, mindert den Spaß am Lesen nicht wirklich.

Insgesamt ist „Die Pestflamme“ eine spannende und unterhaltsame Lektüre, die die verschiedenen Pestsagen der Eifel zu einer schönen Erzählung mit viel Barock-Flair verwebt.

Judith C. Vogt: Die Pestflamme
Verlag Meyer & Meyer
144 Seiten
€ 9,95

Ich bedanke mich herzlich bei Judith Vogt und dem Meyer & Meyer-Verlag für das Rezensionsexemplar!

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Rezension: Die Geister des Landes I – Das Erwachen

coverMan nehme: Beschauliche Orte in der Eifel, alte Sagen, eine Portion Fantasy und vier mehr oder weniger nerdige Teenager. So oder so ähnlich könnte man wohl die Zutaten beschreiben, aus denen Judith C. Vogt ihre Jugendbuchreihe Die Geister des Landes gebastelt hat. Erschienen sind bisher Teil 1 (Das Erwachen) und Teil 2 (Gesichtslos). Netterweise hat Judiths Verlag mir ein Exemplar des ersten Bandes zur Verfügung gestellt, auf dass ich euch nun mit dieser Rezension erfreue. Vielen Dank dafür!

Inhalt

Die 17-jährige Fiona hat seltsame Träume von mysteriösen Gestalten, die das Umland unsicher machen. Umso schlimmer ist es, dass ihre nächtlichen Visionen sich zunehmend als wahr erweisen und in der Eifel seltsame Dinge vor sich gehen. In ihrer Verzweiflung wendet sich Fiona an drei ihrer Mitschüler, die daraufhin versuchen, die außer Kontrolle geratene Sagenwelt wieder in Ordnung zu bringen. Die drei Nerds Doro, Gregor und Edi schlagen sich mit Sumpfmonstern, Fisch-Zombies und unheimlichen Pilzen herum, während ihre Familien sich langsam fragen, was die drei eigentlich ständig im Wald machen und wieso sie so oft völlig lädiert nach Hause kommen. Nach und nach stellt sich heraus, dass etwas Größeres hinter den Vorkommnissen steckt. Fiona, die eigentlich mit ihren drei Verbündeten gar nicht so viel zu tun haben wollte, gerät immer tiefer in die Geschehnisse. Im Laufe des Buches gesellen sich neue Verbündete, aber auch neue und noch gefährlichere Gegner hinzu. Am Ende steht schließlich ein Showdown, der sehr spannend und dramatisch daherkommt; spätestens da konnte ich das Buch nicht mehr aus der Hand legen. Bei all der Action kommen aber auch die persönlichen Beziehungen zwischen den Figuren nicht zu kurz. Was wäre auch eine Gruppe von vier Teenagern ohne ein bisschen Liebesdrama?

Obwohl das Buch unter Jugendliteratur läuft, hatte ich beim Lesen doch das ein oder andere Moment ein Gruselgefühl, vor allem bei gewissen schwer wiederzuerkennenden Personen (wers gelesen hat, weiß, was ich meine). Und es geht auch alles andere als zimperlich zu. Oft kommen die Protagonisten nur ganz knapp mit der geistigen und körperlichen Gesundheit davon.

Das Buch hat, obwohl es der erste Band einer Trilogie ist, durchaus erstmal ein abgeschlossenes Ende – danach folgt aber noch ein Epilog, der definitiv neugierig auf Teil 2 macht.

Sprache

Ein bisschen ist „Das Erwachen“ schon ein Buch von Nerds für Nerds – jedenfalls tauchen an allen Ecken und Enden Anspielungen auf Bücher, Serien und Filme auf, die ein Leser, der Gefallen an Jugendlichen beim Kampf gegen wildgewordene Sagengestalten findet, tendenziell kennt. Noch dazu sind fast alle Protagonisten – so wie die Autorin selbst auch – Rollenspieler, so dass es auch hin und wieder eine Szene am DSA-Spieltisch gibt. Dazu kommen diverse Frotzeleien und Zickereien zwischen den Figuren. Insgesamt, und darauf kommt es ja an, nimmt man den Personen ihre Sprache ab. Klar, es sind Teenager und daher ist der ganze Stil eher flapsig-jugendlich gehalten, gerade das macht aber die Geschichte auch aus. Generell ist das Buch sehr dialoglastig, es wird so gut wie alles in Gesprächen zwischen den Figuren erzählt, ergänzt von etlichen Actionszenen und einigen ruhigen Momenten. Mir hat das aber durchaus gefallen, da man oft das Gefühl hat, mit den vier wild diskutierenden Leuten am Tisch zu sitzen. Und in den Szenen, wo es um Leben und Tod geht, ist dann auch Schluss mit doofen Sprüchen.

Interessant fand ich den erzählerischen Kniff am Anfang: In der ersten Szene des Buches beschließt Fiona, ihre nerdige Mitschülerin Doro um Hilfe zu bitten  – in der nächsten Szene sind Doro, Gregor und Edi schon seit Wochen dabei, Fionas Träumen nachzugehen. Hier wurde das ganze Prozedere, wie genau es dazu kam, einfach ausgelassen. Vielleicht etwas ungewöhnlich, aber dadurch, dass Fiona zu diesem Zeitpunkt noch gar kein Teil des Freundeskreises ist, verpasst man keine Charakterentwicklung.

Erster Satz

„Die Hunde bellten gegen die harte Winterluft an.“

Zitate

„Du brauchst gar nicht so zu glotzen, Gollum.“

„Es ist okay, sich zu fürchten, aber es ist nicht okay, davonzulaufen!“

„Und in der Schule warteten ihre neuen Freunde auf sie. Buffy und ihre aufgedrehten Kollegen.“

Empfehlung?

Ich habe ja keine Ahnung von Jugendbüchern und deren Freigabe, es steht auf dem Buch auch keine Altersempfehlung drauf. Manche Szenen (vor allem die mit Dora am Henzenloch und die mit Fiona am Computer) fand selbst ich beim Lesen relativ übel und ich habe keine Ahnung, ab welchem Alter man das lesen sollte oder dürfte. Davon abgesehen, würde ich das Buch auf jeden Fall empfehlen – es ist spannend und liest sich sehr schnell weg, die vier Hauptfiguren sind gut geschrieben und es gibt auch immer wieder etwas zu lachen. Mit Protagonisten, die sozusagen „Held wider Willen“ sind, kann ich sowieso immer etwas anfangen. Wenn man mit jugendlichen Protagonisten und einem ebensolchen Schreibstil nichts anfangen kann, sollte man vielleicht eher nicht zugreifen. Leute, die in der Eifel wohn(t)en und die beschriebenen Orte und Geschichten kennen, haben vermutlich noch mehr Freude an der Geschichte – ich zumindest finde es immer super, wenn in einem Buch Örtlichkeiten auftauchen, die ich selber schon besucht habe. Aber für alle Nicht-Kenner der Eifelmythen gibt es hinten im Buch auch noch eine Sammlung der wichtigsten Sagengestalten.

Generell also Daumen hoch – ich les dann bald mal den zweiten Teil.

Für alle, die jetzt interessiert sind: Eine Leseprobe gibt es hier. Außerdem wurde „Das Erwachen“ vom Hochschulradio Aachen als Hörbuch vertont.

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