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Besinnen Sie sich jetzt!

Adventszeit. Besinnlich sitzt man in der geschmückten Wohnung, schreibt Weihnachtskarten, isst selbstgebackene Kekse, trinkt Kakao und wartet auf die Weihnachtstage. Freut sich auf den Moment, an dem man die Geschenke einpacken und dann dabei zuschauen kann, wie sie von den Beschenkten freudig ausgepackt werden. Kerzen brennen. Feuer prasselt. Leise Weihnachtslieder laufen im Hintergrund und draußen fällt der erste Schnee und

JA, SO LÄUFT DAS BEI EUCH AUCH NICHT, RICHTIG???

Argh. Diese Winter-Advents-Dezemberzeit, sie macht mich jedes Jahr mehr fertig. Und das liegt weder daran, dass meine Familie irgendwie anstrengend wäre, noch dass ich mich im totalen Weihnachtsgeschenkekonsumtaumel verlieren würde noch daran, dass ich mich durch volle Innenstädte oder über Weihnachtsmärkte bewege. Genau genommen liegt das einfach daran, dass Weihnachten nicht im Juli stattfindet.

Es ist nämlich so, dass ich ab Mitte November einfach nicht mehr mag. Vielleicht ist es die Scheißwinterzeit, bei der es immer dunkel ist, wenn man frei hat, vielleicht ist es die Kälte, vielleicht reicht meine Energie einfach nur für 45 Wochen im Jahr, ich kann es auch nicht sagen. Jedenfalls stellt sich zuverlässig zum 15.11. bei mir der Wunsch ein, in meiner Freizeit ausschließlich im Bett zu liegen, alte Serienfolgen auf Netflix zu gucken, sehr viel zu essen und ansonsten gar nix zu tun. Schon gar nix, was mit Planung, Terminen, anderen Menschen und so zu tun hat. Das beißt sich leider arg mit der Realität, denn wenn man sich „noch dieses Jahr“ treffen will, dann wirds Anfang Dezember natürlich Zeit. Achja, Weihnachtsfeiern waren da ja auch noch, und da bin ich noch in der glücklichen Lage, dass es nur eine sehr entspannte vom Büro gibt und nicht noch 700 andere von irgendwelchen Vereinen, wo ich Mitglied bin. Oder gar irgendwelche Weihnachtsbasarbastelverkaufsonstwasaktionen, die Leuten dräuen, die Kinder haben.

Ich habe also vielleicht 5-6 Termine in dieser Zeit, und alle davon stressen mich unendlich. Wenn ich mich dann aufgerafft hab, zum Treffen aufzuschlagen, den Besuch reinzulassen oder mich im Online-Hangout einzufinden, ist sogar alles gut. Aber vorher! Die Aussicht darauf, nicht BettNetflixSchokolade als Abendgestaltung zu haben, macht mich fertig.

Eigentlich hätte ich auch ganz gerne die Wohnung dekoriert. Allein, die Deko ist in irgendeinem Karton, der Karton ist im Keller, und im Keller läuft man gegen eine Wand aus 50 Umzugskartons, durch die man sich erstmal graben müsste. Und überhaupt müsste man dazu erstmal die Wohnung verlassen. Uäh.

Kekse backen! Kekse backen war auch sowas. In jeder anderen Zeit des Jahres würde ich freudig Rezepte raussuchen, eine schicke Liste mit Zutaten schreiben, einen organisierten Großeinkauf machen und mich dann, zack, ein paar Stunden in die Küche stellen, und Kekse produzieren. Im Dezember sieht das so aus:

Schritt 1: Der Mitbewohner findet, wir könnten mal Kekse backen, wenn seine Familie uns besuchen kommt. Ich halte das grundsätzlich für gut.

Schritt 2: Mir fällt ein, dass Freitag ist, Samstag ist Rollenspiel, Sonntag kommt die Familie, HEUTE müsste man also mal einkaufen. Leider habe ich gar keine Energie für gar nichts. Ich google hektisch „schnelle Plätzchenrezepte“ und finde alle davon doof.

Schritt 3: Da ich eh einkaufen muss, am selben Abend ist nämlich auch Besuch angekündigt, dem ich Gulasch versprochen habe, gehe ich beim Supermarkt vorbei. Ich kaufe einen BERG ZUTATEN, von denen ich denke, dass sie womöglich in Weihnachtskeksen gut kämen.

Schritt 4: 50 Meter vor der Wohnungstür fällt mir ein, dass ich die Butter vergessen habe und wir keine mehr haben. Hasse und verfluche mich selbst.

Schritt 5: Kaufe 3 Stück Butter für 2,50 das Stück beim türkischen Kiosk nebenan, der vermutlich genau für solche Deppen für mich welche vorrätig hat.

Schritt 6: Werfe den Zutatenberg in die Küche. Mache erstmal Gulasch, putze die Wohnung, stelle fest, dass der Tag damit dann auch um ist.

Schritt 7: Bekomme vom Schleppen des Zutatenberges erst Rückenschmerzen und dann Migräne des Todes.

Schritt 8: Kann vor Schmerzen kaum mit dem Freitagsbesuch reden, gehe frühzeitig ins Bett. Wache Samstag mit genausoviel Migräne auf. Rollenspiel wird zu uns in die Wohnung verlegt, damit ich nicht fahren muss. Der beste Mitbewohner von allen backt derweil zumindest ein paar Kekse. Die Zutaten hat er wegen Absprache-Fail selber gekauft.

Schritt 9: Die Kekse misslingen ein wenig wegen Rezept-nicht-richtig-gelesen, sind aber lecker. Der Teig für die anderen Kekse muss bis zum nächsten Tag warten.

Schritt 10: Ich habe keine Erinnerung an den Rollenspielabend, den ich mit Schmerzen of doom auf dem Sessel verbringe, bis ich um 22 Uhr kapituliere und ins Bett gehe. Übrig bleibt ein Haufen Süßkram und Chips vom Rollenspiel.

Schritt 11: Der Besuch der Mitbewohnerfamilie muss abgesagt werden, weil ich – Überraschung – auch am Sonntag noch komplett flach liege. Stattdessen fährt er zur Familie hin und kommt mit noch mehr Süßkram nach Hause. Vorher werden die misslungenen Kekse nochmal neu gebacken, womit wir jetzt 2 Teller voll davon haben.

Schritt 12: Der noch schnell fertig gemachte Keksteig Nr. 2 verbrennt im Ofen, während wir völlig kaputt die EINE Serienfolge schauen, zu der wir am ganzen Wochenende gekommen sind.

Schritt 13: Es ist Montag. Zu Hause liegen Süßwaren, mit denen man eine Kleinfamilie bis Weihnachten versorgen könnte. Ich stehe im Rewe und kaufe für 15 Euro Käse, um all das Süß zu kompensieren.

Ja.

So war das.

Ansonsten kaufe ich ja schon am liebsten alles im Internetz, damit ich nicht in diese fürchterliche Welt da draußen muss. Trotzdem stand ich neulich in der Buchhandlung und wog Bücher in der Hand, denn meine Schwester hatte mich mit Geschenk-Aussuchen für Omma betraut. „Bitte 2 Taschenbücher, aber sie müssen wenig wiegen, damit sie ihr beim Lesen nicht immer aus der Hand fallen“. Inhalt hingegen egal. Ich wog also Bücher ab und versuchte trotzdem noch welche zu finden, die nicht völlig bekloppt klangen.

Dann ging ich übern Weihnachtsmarkt und aß für SECHS EURO FUFFZIG einen Crepe.

Da war mir dann ganz besinnlich.

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