Pegida-Man killed the Rollenspieltour

Wir waren ja gerade in Dänemark. Wir, das sind ich, der beste Mitbewohner von allen sowie 5 Leute aus meiner Oldschool-DSA-Runde, in der ich vor Jahren regelmäßig spielte, deren Mitglieder ich jetzt aber meistens nur noch zu anderen Anlässen sehe – oder aber einmal im Jahr zur Rollenspieltour, wenn wir zusammen eine Woche nach Dänemark in ein Ferienhaus fahren und da 6 Tage am Stück spielen. Dieser Urlaub entfaltet meist das Phänomen, dass man währenddessen das Gefühl hat, sich nur mal grade kurz hingesetzt zu haben und dann ist die Woche auch schon wieder vorbei. Gleichzeitig kommt es einem bei der Heimkehr vor, als wäre man 6 Wochen mindestens weggewesen. Eigentlich also eine sehr tolle Sache. Dieses Jahr hatten wir auch ein sehr schönes, großes Haus auf Rømø mit einem großartigen Swimmingpool, dazu kam für Mitte November echt gutes Wetter mit zweimal Sonnenschein am Strand – eigentlich also eine perfekte Woche.

Eigentlich.

Leider war da dieser eine Mitspieler, der mir die Woche so gründlich verleidet hat, dass ich am liebsten nach 2 Tagen wieder abgereist wäre. Und weil ich nun schon einige Tage wieder zu Hause bin und mich das Thema immer noch beschäftigt, blogge ich jetzt drüber.

Dieser besagte Mitspieler hatte schon immer nen gewissen Spleen und Ansichten, die ich nicht immer teilen kann. Zum Beispiel ist er ein ziemlicher Militärfreak und steht total auf Geschichten irgendwelcher Schlachten, sammelt allen möglichen Kram wie irgendwelche Waffen-Replikas etc., definiert sich vor allem über seinen Job und war noch nie das, was er selber abfällig als linker Gutmensch bezeichnen würde. Aber gut. Menschen sind nunmal verschieden und mit vielen Dingen kann ich schlicht leben. Mitspieler A raucht Kette, Mitspieler B verschätzt sich manchmal mit dem Alkohol und redet dann wirres Zeug, Mitspieler C hat öfter mal die Angewohnheit, aus Prinzip gegen alle Vorschläge und Ideen der anderen zu sein und Mitspieler D schläft am Spieltisch öfter mal ein. Mitspieler E hat einen meiner Meinung nach miesen Musikgeschmack, Mitspieler F belegt seine Pizza immer mit echt ekligen Kombinationen und Mitspieler G fällt Leuten öfter ins Wort. Alles nervige Dinge, aber eben Kleinigkeiten, die ich hinnehme und akzeptiere, weil Menschen eben nicht perfekt sind und die Sympathie trotz allem überwiegt. So auch bei dem besagten Mitspieler, mit dem mich z. B. von 2004-2009 eine lange DSA-Kampagne verband, während der ich auch gut mit ihm klarkam, auch wenn es immer eine „Rollenspiel-Freundschaft“ war und man sich außerhalb dessen selten bis nie traf.

Und dann kommt dieser eine besagte Mitspieler und haut gleich am ersten Abend in Dänemark irgendwelche Pegida-Parolen raus. Die Lügenpresse und die uns überrennenden „Asylanten“ und die linken Gutmenschen, die vor den Messehallen am Sonntag Obst verteilen, werden sich ja noch wundern, wenn erstmal der Bürgerkrieg ausbricht, weil die Deutschen nicht mehr hinnehmen, dass „die da“ uns überrennen. Jo, und dann stehste da. Am Anfang war ich mir noch nicht mal sicher, ob er den Müll von sich gibt, um zu provozieren (was er durchaus auch manchmal tut). Aber bald war klar, dass dem nicht so ist. Anscheinend hat er in den zwei Jahren, die ich ihn nicht gesehen hatte (letztes Jahr war er nicht dabei) einen gewaltigen geistigen Rechtsruck vollzogen. Die übrigen Mitfahrer reagierten eigentlich alle recht ähnlich drauf wie ich – eine Mischung aus ungläubigem Staunen bis Entsetzen einerseits und dem Wunsch, sich den Urlaub nicht verderben zu lassen andererseits. Bereits am ersten Abend wurde Pegida-Man aufgefordert, das Thema bleiben zu lassen, weil die Meinungen da doch zuweit auseinandergehen. Selbst das fand ich eigentlich schon unerträglich, denn eigentlich möchte ich nicht mit jemandem um ein Thema herumschweigen, der rassistisch und rechtsextremistisch ist. Eigentlich möchte ich mit so jemandem noch nicht mal im selben Zimmer sein. Und schon gar nicht eine Woche lang auf engstem Raum in einem Ferienhaus.

Wäre ich mit dem eigenen Auto dagewesen, wäre das noch nicht mal so wild gewesen, dann hätte ich jederzeit die Möglichkeit gehabt, mich da rauszuziehen. Allerdings war ich mit 2 anderen Leuten zusammen in einem fremden Auto angereist und hätte somit höchstens bitten können, mich zum nächsten Bahnhof zu fahren. Aber eigentlich wollte ich ja nicht nach Hause, ich wollte ne tolle Rollenspielwoche in Dänemark haben, zusammen mit den netten Leuten, die ich sonst kaum sehe. Also den anderen 5 netten Leuten, Pegida-Man mal ausgenommen.

Und so gingen die ersten Tage dann ins Land. Leider hielt sich Pegida-Man nicht an unseren Wunsch, das Thema bleiben zu lassen und kam immer und immer wieder damit an – zum Glück meistens nach dem Spiel, so dass ich einfach ins Bett gehen konnte. Der beste Mitbewohner von allen hat noch regelmäßig gegen anargumentiert, aber das war tatsächlich recht vergebliche Liebesmüh. Ich selber sagte wenig und verließ meist den Raum, wenn wieder die üblichen Parolen kamen. Feige, nicht wahr? Irgendwie schon, und ich bin nicht stolz drauf. Hätte ich mich nicht eigentlich hinsetzen müssen, all die Fakten, die ich in Dutzenden von Blogartikeln gelesen habe, auspacken, ihn einfach in Grund und Boden argumentieren? Nachfragen und immer wieder nachfragen, wieso er so denkt, wieso er solche Angst vor den Geflüchteten hat, wieso er glaubt, das würde sein Leben negativ beeinflussen? Hätte ich vielleicht. Bestimmt sogar. Aber es ging nicht. Ich war einfach so fassungslos, so stinksauer, so völlig schockiert davon, wie jemand so blöd sein kann, den rechtspopulistischen Müll von Pegida und AfD zu glauben, so engstirnig, so … unmenschlich. Immer wenn das Thema wieder hochkam, ging mein Puls schlagartig in die Höhe, meine Hände fingen an zu zittern, ich wollte einfach nur weg aus der Situation.

Nach drei Tagen bin ich dann ein bisschen ausgerastet. Nun ist das ja so, dass ich manchmal auch nur denke, ich wäre gerade sehr deutlich geworden, das aber nur in meinem Kopf so ist und ich eigentlich doch noch sehr normal klinge, weil ich Lautstärke hasse und selten sehr laut reden möchte und kann und dann deswegen in meinem Kopf viel unfreundlicher bin als in Wirklichkeit. Aber der Herr Mitbewohner hat mir nachher gesagt, dass das Ausrasten diesmal auch nach außen hin sichtbar wurde und wohl alle Anwesenden ein wenig verdutzt waren ob meines … ähm … Ausbruchs.

Jedenfalls kam grad wieder mal das leidige Thema auf, ich stand schon auf und ging in Richtung Küche, um lieber zu kochen als mir diese unsäglichen Sprüche anzuhören. Und Pegida-Man dann so, aus wirklich tiefster Überzeugung: „Ich will aber keine scheiß-Kanacken in Deutschland.“ Darauf ich, auf dem Hacken stoppend und mich ihm zuwendend: „Und ich will keine Scheiß-Nazis in meinem Ferienhaus, aber offensichtlich konnte ich mir das auch nicht aussuchen.“ Irgendwer aus dem Off: „Und jetzt sollten wir das Thema mal wirklich lassen“. Und ich: „Ja, wir lassen das Thema jetzt bitte bleiben, und zwar für den Rest der Woche, ich will deine Scheiß-Nazi-Parolen nicht mehr hören, und wenn dir das nicht passt, fahr nach Hause!“ Danach ging ich in die Küche, rührte im Essen herum, hörte meinen Herzschlag bis in die Ohrenspitzen hämmern und verschwand dann erstmal im Poolraum und schwamm 20 Bahnen, um mich wieder abzuregen.

Den Rest der Woche hielten sich dann die Bemerkungen – bis auf einige absolut kindische Aussetzer, z. B. beim DSA-Spielen darauf beharren, lieber den rechten Gang zu nehmen statt den linken, weil rechts ja immer besser ist – in Grenzen, Pegida-Man daddelte vor allem auf seinem Handy/Laptop herum, ich sah zu, dass ich bei jeder Gelegenheit aus dem Haus kam und ging nach dem Spielen möglichst sofort ins Bett, um Gespräche zu vermeiden. Ständig erwartete ich, dass wieder irgendein dämlicher Spruch kommt, ohne zu wissen, wie ich darauf reagieren soll. Es war eine absolut unentspannte Nummer und ich war dann einfach nur froh, nach Hause fahren zu können, obwohl der Rest des Urlaubs echt nett war.

Und nun? Fest steht, dass ich Pegida-Man nicht mehr sehen will. Spielabende, wo er dabei ist, werde ich nicht besuchen, Rollenspieltouren werden in Zukunft nur ohne ihn oder ohne mich stattfinden. Ob das heißt, dass ich in Zukunft zu Hause bleiben muss, wird sich zeigen, zumindest drei anderen Mitreisende wollen aber auch nicht mehr mit ihm zusammen los. Ich habe festgestellt, dass ich kaum in der Lage bin, auf einen Menschen mit diesen Ansichten anders als mit Unverständnis und Wut zu reagieren, und zwar in einem Ausmaß, das mich selbst überrascht hat.

Wie ich schon schrieb, Menschen sind nicht perfekt. Jeder meiner Freunde und Bekannten hat Angewohnheiten, Vorlieben und Ansichten, die ich nicht teile und die mich manchmal nerven. Trotzdem überwiegt fast immer die Sympathie für denjenigen und die Überzeugung, dass jeder so leben soll, wie es ihm gefällt. Aber bei Rassismus und Rechtsextremismus und dem Nachgröhlen von Nazi-Parolen ist Schluss. Mit so jemandem will ich nicht befreundet sein, nicht lose bekannt, nicht mal in ein und dem selben Raum, und zwar auch nicht dann, wenn er seine Ansichten nicht laut äußert – es ist schlimm genug, sie zu haben.

Disclaimer: Tatsächlich habe ich hier im Blog noch über die aktuelle politische Situation in Deutschland geschrieben und das hier soll auch weiterhin kein Polit-Blog oder so werden. Ganz grob gesagt denke ich, dass durch die vielen Geflüchteten etliche Herausforderungen auf Deutschland und uns alle zukommen, denen wir uns aber stellen müssen, denn die Menschen, die hier Zuflucht suchen, abzuweisen, kann keine Alternative sein. Für sehr, sehr viele interessante Links zum Thema verweise ich einfach mal auf die Linksammlungen von Herrn Buddenbohm, der regelmäßig interessante Artikel und Berichte verlinkt. Des Weiteren verlinke ich auch mal auf die Seite Blogger für Flüchtlinge – dort könnt ihr Geld spenden oder euch informieren, wo ihr in eurer Nähe Sachspenden abgeben oder mithelfen könnt.

Disclaimer 2: Dem entsprechenden Mitspieler ist der Link zu diesem Blog bekannt, auch wenn ich sehr bezweifle, dass er hier mitliest.

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2 Kommentare

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2 Antworten zu “Pegida-Man killed the Rollenspieltour

  1. Oh Mann, grade hatte ich deinen Artikel gelesen, als ich deinen Kommentar bei mir entdeckt habe. Ich kann mich voll in dich reinfühlen, wobei ich mir die ganze Woche deutlich schlimmer und bedrückender vorstelle. Respekt für dein Statement! Bei dem Freund meiner Mutter habe ich zwar wenig Hemmungen, deutlich zu werden, weil mir dieser Mensch nichts bedeutet, aber meiner Mutter leider. Und die wünscht sich, dass er zur Familie gehört. Das wird zwar von meiner Warte aus die passieren, aber ich will auch nicht jedes Mal Krach, wenn ich meine Mutter sehe. Immerhin hält er meistenteils den Mund oder geht in Die Küche oder auf den Balkon, wenn wir uns über Politik oder Gesellschaft unterhalten. Aber das macht natürlich auch ne super Stimmung… So oder so ist es schwierig. Ich weiß halt, dass er meine Meinung ohnehin nicht ernst nimmt, weil er sich von mir von oben herab behandelt fühlt (weil ich ihm mal unterstellt habe, er hätte von gewissen Dingen keine Ahnung). Insofern ist da ohnehin jede Argumentation von vornherein sinnlos…

    • Stell ich mir aber auch sehr schwierig vor, wenn da noch ein Verwandter dranhängt, der denjenigen sehr mag. Und meistens hat derjenige ja dann auch noch anderen Gesprächsthemen und Interessen, die vielleicht sogar sympathisch sind :/ Mit Pegida-Man habe ich mich ein paar Stunden vor der obigen Situation z. B. noch total nett über meinen letzten Urlaub unterhalten. Aber das macht es dann halt nicht wett – Rassismus ist halt kein netter kleiner Charakterfehler, sondern komplett inakzeptabel für mich.

      Naja, wenn du dich mit dem Freund deiner Mutter auf halbwegs friedliche Koexistenz geeinigt hast, geht es ja vielleicht. Auch wenn es trotzdem unangenehm ist, immer so ein „Tabuthema“ zu haben, denk ich mal.

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