Die Sache mit dem Fußball

Die WM neigt sich ihrem Ende zu und auch wenn ich gehofft hatte, dass ich mich von diesem Blogeintrag abhalten kann, muss ich ihn jetzt doch schreiben.

Also, ich gestehe: Ich mag Fußball. Und ich gucke die WM. Und das gebe ich in letzter Zeit schon fast ungern preis, denn die Reaktionen auf dieses – wahnsinnig schockierende – Geständnis sind meistens irgendwie unschön.

Fangen wir nochmal ganz langsam von vorne an. Einmal alle zwei Jahre, für die vier Wochen, die so eine WM oder EM dauert, gucke ich Fußball. Weil ich es interessant finde. Weil Fußball so ungefähr die einzige Sportart auf der Welt ist, die ich gut genug verstehe, um beim Zugucken zu wissen, was da eigentlich passiert (was wiederum daran liegt, dass mein Vater sehr fußballverrückt ist, fast jedes Spiel schaut und selber seit über 30 Jahren aktiv spielt und ich Fußballwissen quasi als Familienerbe erwarb). Weil so ein großes Turnier, wenn man es verfolgt, eine gewisse Faszination hat. Angefangen hat das vor 12 Jahren, bei der EM 2000. Da hatten wir in der Schule gerade 2 Wochen Praktikum, welches ich in einem Klamottenladen absolvierte, wo so wenig zu tun war, dass ich meistens um 12 Uhr mittags gehen durfte. Ich hatte also viel Zeit, Fußball zu gucken. Nachdem Deutschland mit übelstem Rumpelfußball in der Vorrunde ausschied, wurde ich schon während selbiger zum Fan der portugiesischen Mannschaft und blieb es dann auch lange, gefühlt so bis 2010. Inzwischen macht sich die Mannschaft ja leider abhängig von einem gelangweilten Lackaffen, der es sichtlich als unter seiner Würde ansieht, sich auch nur ein kleines bisschen Mühe zu geben, so dass ich die portugiesische Mannschaft nicht mehr wirklich mögen kann. Anyhoo, seit 12 Jahren verfolge ich nun die großen Turniere alle zwei Jahre.

Also, Fußball-WM 2014. Ich habe, würde ich schätzen, ungefähr 60-70 % der Spiele gesehen, manche fielen weg, weil sie zu spät liefen oder ich andere Pläne hatte. Alle diese Spiele habe ich entweder zu Hause auf dem Sofa oder, in einem einzigen Fall, bei Freunden auf dem Sofa, verfolgt. Ich meine, hey, wer mich kennt, kann sich schon von selber denken, dass ich mich ganz gewiss nicht mit 5000 Leuten aufs Heiligengeistfeld stelle oder mich in eine Kneipe mit Feierwütigen setze. Ich will schließlich das Spiel sehen und das geht am Besten in Ruhe daheim.

Nun ist es so, dass meine eigene kleine Filterbubble, also meine Twitter-Timeline, meine täglich besuchten Foren usw., die WM und Fußball generell eher doof findet. Gelinde gesagt. Bis zu einem gewissen Grad kann ich das nachvollziehen, ich fände es auch nicht toll, wenn ein Ereignis, das mich nicht interessiert, so im Mittelpunkt aller Gesprächsthemen und aller Nachrichten steht. Ich bin, Fußballgucker hin oder her, absolut der Meinung, dass es idiotisch ist, mit nem Autokorso hupend um den Block zu fahren, verbotenerweise Feuerwerksköper zu zünden oder diese beknackten Vuvuzelas zu tröten. Das nervt, keine Frage, ganz meine Meinung. Nun ist es ja aber so, dass es die Fußballfans gibt, die gröhlend und betrunken durch die Innenstadt laufen oder Autokorsos bilden, und die Zuschauer, die das Spiel auch gucken, aber eben zu Hause. Und wenn ich die tausende von Tweets sehe, die während jedes Spiels zum entsprechenden Hashtag getweetet werden, komme ich fast zur Annahme, dass die Zuhause-Gucker womöglich die Mehrzahl der Zuschauer stellen. Trotzdem vermitteln die WM-Ablehner den Eindruck, dass die Fußballzuschauer für sie eine große, amporphe Masse sind, die schwarz-rot-gold bemalt, das Bier in der einen und die Vuvuzela in der anderen Hand, gröhlend und „SCHLAAAAAND!!!“ skandierend über die Fanfeste ziehen, anschließend bis 3 Uhr nachts im Autokorso die Nachbarschaft terrorisieren und zwischendrin noch ein paar Nazi-Sprüche auf Twitter absondern. Ja, solche Leute gibt es. Und glaubt es oder nicht, sowas finde ich genauso scheiße wie jeder WM-Hasser.

(Ich gehe jetzt mal nicht näher auf die nationalistischen und rassistischen Tweets und Kommentare ein. Was man davon zu halten hat, ist sowieso klar.)

Wenn dann aber bei JEDEM Deutschlandspiel mindestens 5 Leute verkünden, dass sie jetzt während des Spiels einkaufen gehen, weil es dann ja so schön leer im Supermarkt ist (Meaning: Weil sie dann als gebildete Fußballablehner durch die leeren Gänge schlendern können, während der Pöbel aufm Fanfest „SCHLAND“ grölt), dann nervt mich das irgendwann. Wenn dutzende von Leuten sich über vier Wochen damit brüsten, dass sie sich nicht für Fußball interessieren und das alles ganz furchtbar doof finden, dann nervt mich das genauso. Meine Güte, wenn ich über alles, was mich nicht interessiert, so viel reden würde wie die Fußball-Hasser während der WM, käme ich ja gar nicht mehr aus dem Sachen-doof-finden raus.

Apropos Schland: Ja, doch. Ich fände es schön, wenn Deutschland Weltmeister wird. Ich finde, die Mannschaft spielt guten, fairen Fußball, kommt in Interviews durchgehend sympathisch rüber (ja, nicht trotz, sondern gerade WEGEN Mertesackers legendärem Interview) und hätte den Titel verdient. Es sei denn, sie verkacken das Finale, aber ja nun. Dann hätten sie ihn auch nicht verdient. Und ja, ich gebe zu, dass mich die Spiele der deutschen Mannschaft meistens einen Tacken mehr interessieren. Das ist so ähnlich, wie wenn ich es schön finde, zu erfahren, dass z. B. ein Autor, den ich mag, aus Hamburg wohnt. Es wäre auch total okay, wenn er aus München kommt, aber durch die selbe Stadt ist halt eine kleine Verbundenheit da. So ungefähr isses auch mit der Nationalmannschaft. Und hätten sie so schlecht gespielt, dass sie in der Vorrunde ausgeschieden wären, ja meine Güte, dann wäre es so gewesen und ich hätte das Turnier trotzdem weiterverfolgt. (Wie gesagt, ich schaue alle Spiele, die ich zeitlich schauen kann.) Ich habe übrigens, soweit ich mich entsinne, noch nie das Wort „Schland“ von mir gegeben und wenn die deutsche Nationalmannschaft gewinnt, dann hat in meinem Wortschatz die deutsche Nationalmannschaft gewonnen und nicht „wir“. Ich war aber auch noch nicht Papst. Oder Weltmeister. Oder sonstwas.

Vom anstrengenden Fantum mal abgesehen, liegen bei dieser WM natürlich noch ganz andere Probleme auf der Hand. Die FIFA ist eine absolut korrupte Organisation, die WM-Vergabe nach Russland und Katar ist ein Skandal und was mit den WM-Geldern in Brasilien angerichtet wurde, ist eine Katastrophe. Zum Kotzen. Regt mich auf. Und meiner Meinung nach sollte sich jeder Fußballspieler, der was auf sich hält, weigern, in Katar überhaupt anzutreten. Zudem ist die Berichterstattung der Öffentlichen, bei denen die Übertragungsrechte liegen, nicht nur schon an sich eine Katastrophe (bei den Fußballkommentatoren überkommt mich regelmäßig der dringende Wunsch, in ein Rudel Vuvuzela-Tröter zu springen, um das Dummgeseiere durch temporäre Taubheit auszublenden), sondern blendet auch die Probleme in Brasilien vollkommen aus. Und ja, das Heute-Journal gestern hätte es sich schenken können, nochmal in der Halbzeit über das Ergebnis des Spiels zu berichten und dafür die Berichterstattung aus dem Gaza-Streifen zu kürzen.

Was tut man also? Den Fernseher ausmachen? Kein Fußballspiel mehr schauen?
Ich verrate euch, wie sehr das die FIFA, den DFB und die Medien interessieren wird: Ungefähr 0,00000 %. Gar nicht. Nada. Null.

Ich habe kein Quotenmessgerät zu Hause stehen. Ob bei mir Fußball läuft oder was anderes oder gar nichts, bekommt schlicht NIEMAND mit. Nicht der Blatter, nicht der Chef der ARD, nicht der Bartels oder der Rethy (und ich schwöre, hätte ich die Möglichkeit, Bartels durch Abschalten von seinem Posten zu entfernen, ich würde es tun!).

Was man tun kann, was bemerkt wird, ist, sich darüber zu äußern, wie scheiße man die FIFA findet. Wie sehr man hofft, dass die bekannt gewordenen Bestechungen aus Katar Folgen haben werden. Wie dringend die Berichterstattung anders und besser werden müsste.
Das tue ich, mit diesem Blogeintrag, und das habe ich schon in anderen, online wie persönlich geführten Diskussionen getan.

Die Umstände dieser WM sind schlimm, ja. Und das Letzte was ich tun möchte, ist, die FIFA zu unterstützen. Ich kaufe keine WM-Fanartikel, ich gehe nicht aufs Fanfest, und könnte man auch nur ein Fitzelchen an der FIFA, der WM in Brasilien oder sonstwas dadurch ändern, den Fernseher auszulassen, ich würde es machen. Ist aber nicht so.

Also schaue ich auch noch die letzten drei Spiele, auf meinem Sofa, mit ner Cola oder nem Eiskaffee, mit dem Smartphone in der Hand im Austausch mit den Twitterern, die durch ihre Kommentare das Ganze so viel witziger machen. Ohne Vuvuzela und Deutschlandschminke. Ohne Autokorso und ohne die FIFA toll zu finden.
Einfach weil es mir Spaß macht, Fußball zu schauen.

Aber falls Deutschland Weltmeister wird, jubel ich doch ein bisschen.

PS: Falls jemand diesen Artikel liest und mir einen Tipp geben kann, wo man seinen Unmut über die FIFA etc. kundtun kann und eventuell die Chance hat, gehört zu werden, freue ich mich über einen Hinweis.

PPS: Und an alle Fußball-Doof-Finder: Haltet durch, in ein paar Tagen ist der Spuk vorbei.

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8 Kommentare

Eingeordnet unter blabla, Graaaah!

8 Antworten zu “Die Sache mit dem Fußball

  1. AMEN!

    Ich persönlich gucke Fußball am liebsten mit Freunden irgendwo und ja, ich jubel auch mit 😉 Habe auch fast alle Spiele gesehen, btw.

    Der heutigen deutschen Nationalmannschaft würde ich es so sehr gönnen, zu gewinnen. Ich mag sie, habe den Werdegang über die Jahre mitverfolgen können (bei vergangenen Turnieren, CL und natürlich der Bundesliga) und sie sind mir grundsympathisch, zusätzlich zu dem, dass sie guten Fußball spielen.

    Ich freue mich sehr, diese Mannschaft live miterleben zu dürfen.

    • Ich würde es der Mannschaft auch gönnen. Mal sehen, was am Sonntag passiert.
      Und gestern beim ersten Tor hab ich auch gejubelt…beim 2. auch noch…danach saß ich nur noch da und habe WTF??? gedacht *g*.

  2. Marco

    Sehr guter Kommentar! Besonders, was du über die Fußball-Hasser gesagt hast. Die gehen mir auch auf den Keks, zusammen mit denen, die bloß hoffen, dass Deutschland verliert, weil sie sich dadurch moralisch irgendwie besser fühlen.
    Diese Jungs habes jetzt einfach mal verdient. Nicht weils die Deutschen sind, sondern weil sie fairen, schönen Fußball spielen, wie du geschrieben hast. Nicht so wie damals vor 2006. Und jeder, der ihnen nur wegen der Fans, deren Leidenschaft sie irgendwie nicht teilen können, wünscht, dass sies nicht schaffen … ja, der … hm… egal. Ich hab das neulich schon mal mit einer spannenden TV-Serie verglichen. Wir haben jetzt 8 Jahre lang, alle zwei Jahre in einer neuen Staffel mit unseren Helden mitgefiebert und mitgelitten. Jetzt wollen wir uns auch mit ihnen freuen dürfen! – ohne das irgendwer wieder die Nazi-Keule schwingt 😦

    Über Kommentatoren regt sich jeder auf, egal auf welchem Sender. Das muss deutsche Volkskrankheit sein. Ich bin da wohl gelassener. Finde auch nicht, dass die ÖR unkritisch kommentierten. Zumindest in der Vor- und Nachberichterstattung werden doch immer die Austragungsländer mit entsprechenden Konflikten vorgestellt (gibt ja auch immer programmbegleitende Dokus). Bei dieser WM wars nur so, dass die Porteste kurz nach dem Eröffnungsspiel versandet sind und die Demos wie beim Confed-Cup ausgeblieben sind – zumindest die großen Eskalationen. Wenn irgendwo 200 Leute demonstrieren fällt das ja eher unter Hintergrundrauschen/die üblichen Proteste aber nicht unter „großes Aufbegehren“.

    Alles was du zur FIFA geschrieben hast, kann man nur unterschreiben.

    • Danke für den Kommentar und die Zustimmung 🙂

      @Kommentatoren und Berichterstattung: Ich schalte meistens erst kurz vor Anpfiff an und habe daher nicht so schrecklich viel Berichterstattung gesehen, aber z. B. war da einmal ein Bericht, wo es um Brasilianer ging, die die Zuschauer die letzten 2 Kilometer (die für Autos gesperrt sind) zum Stadion mit dem Fahrrad fahren, für umgerechnet ein paar Euro. Das war dann halt so ein netter lustiger Beitrag, der aber völlig ausklammerte, dass die Leute das nicht machen, weil es so much fun ist, bei 30 Grad Hitze die Leute rumzufahren, sondern weil die das Geld dringend brauchen. Das fand ich halt ein bisschen weichgezeichnet. Und ich kann mich noch an eins der ersten Spiele erinnern, wo der Kommentator – Rethy, meine ich – sich drüber freute, dass ja die Demonstationen nicht den Ablauf der WM stören. Solche Sprüche find ich irgendwie hngh.
      Es gibt auch ganz gute Kommentatoren, z. B. Gottlob oder Simons. Aber bei einigen ist es wirklich abwechselnd langweiliges Nacherzählen der Ereignisse auf dem Platz (inkl. völlig falsch ausgesprochener Namen) oder totaler Blödsinn. Oder beides abwechselnd. Und davon, dass alle 6 oder 7 eingesetzten Kommentatoren Männer sind, fang ich lieber gar nicht erst an.
      Aber es kann sein, dass es drumherum noch Dokus oder Berichte gab, die ich einfach nicht mitbekommen habe *nick*. Ich bin gespannt, wie die letzten Tage der WM nun noch verlaufen, jetzt wo Brasilien draußen ist…

  3. Hallo Curuma,
    habe gerade über deinen Link beim Nuf deinen Blog entdeckt. Gefällt mir sehr, wie du schreibst, und dieser Fußballartikel spricht mir aus der Seele. Ja, kritische Berichterstattung im Fernsehen über FIFA und Brasilien gab es wenig, nur ein bisschen weichgespülte Kritik in der Reportage „Mit Marietta Slomka durch Südamerika“. Den Film von Mikkel Keldorf „The Price of the World Cup“ fand ich sehenswert, habe ihn in meinem Blogbeitrag verlinkt http://www.daslebenschmieden.blogspot.de/2014/06/fuball-weltmeisterschaft-in-brasilien.html , falls es dich interessiert.
    Liebe Grüße von Kirsten

    • Hi Kirsten,

      vielen Dank für den Link, ich werd auf jeden Fall mal reinschauen!
      Freut mich, dass dir der Artikel gefällt 🙂 Aber naja, jetzt ist die WM ja vorbei und hoffentlich bald wieder friedliche Stimmung zwischen Fußball-Guckern und Nicht-Guckern.

  4. Pingback: Das Bloggen der Anderen (10) | Familienbetrieb

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